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beeindruckende Eindrücke

11. April 2012

Von den letzten drei Tagen in Tokyo erzähle ich verspätet, weil ich nach meiner Rückkunft zunächst noch meinen Japankater (gefleckt, mit winkender Pfote und Glöckchen) überwinden musste und mich dabei erneut von meinem Biorhythmus, der sich auch zur Bewältigung des umgekehrten Jetlags für ein von der vorherigen Schlafdauer völlig unabhängiges Aufwachen morgens um fünf entschieden hat, überraschen ließ; sie selbst, also die letzten Tage, waren derart dicht bepackt mit bemerkenswerten Erlebnissen, dass sich das Sortieren der Erinnerungen nicht ganz leicht gestaltet, der Abschied und Abschluss dieses schönen Urlaubes aber umso mehr: Wir waren schlicht derart gesättigt mit herrlichen Erfahrungen, dass wir gar keine weiteren mehr verkraftet hätten. Den Kirschblütenentzug erleichtern außerdem die Pflaumen, die hierzulande sprießen, eine sogar geradewegs vor meinem Fenster im Garten; die Anwesenheit einer ausnehmend flauschigen Katze sowie meines Bruderherzes tun außerdem das jeweils Ihrige, mir die Ankunft zu versüßen.

Aber lasst mich versuchen, im Geiste zusammenzukriegen, was denn nun noch alles passiert ist, seit ich unsere kulinarischen Exzesse mit dem Professorenfreund schilderte. So kamen wir bspw. erneut in den Genuss luxuriöser japanischer Küche, oder wären es zumindest, wenn ich nicht an jenem Abend (Freitag war’s) eine zauberhafte Bekanntschaft gemacht und das Auf- und Abtragen der zahllosen exquisiten Gänge vor lauter Begeisterung und Gesprächsvertieftheit beinahe vollständig versäumt hätte. Der englische Wortschatz dieser lieben neuen Freundin beträgt etwas das Doppelte meines japanischen, was bedeutet, dass wir weite Teile unseres angeregten Austausches unter reichlichem Lachen mit Händen und Füßen, Stift und Papier, verschiedenen mehr oder minder artikulierten Ah– und Oh-Lauten sowie den Vokabeln daisuki, kawaii, sugoi und Facebook bestritten. Es stellte sich heraus, dass sie einen deutschen Schwager hat, was ein Wiedersehen in hiesigen Gefilden durchaus wahrscheinlich macht und uns beide vor Vergnügen quasi Purzelbäume schlagen ließ. Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag zur Feier von O-Hanami im Yoyogi-Park, von der noch die Rede sein wird.

Zunächst aber, am Samstag nämlich, quälten wir uns in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und nach Shinjuku (auch von der Aussprache dieses Ortes wird noch die Rede sein, aber um des guten Geschmacks willen nur am Rande, und überhaupt vielleicht lieber in einem lang überfälligen neuen Eintrag in eine irgendwann mal oberflächlich begonnene Aufzeichnungsreihe von Grievances), bewaffneten uns proviantshalber mit den besten Süßigkeiten der Welt und brachen vermittels einer zweistündigen Busfahrt auf nach Kawaguchiko.

Jetzt könnte ich vielleicht den Unkundigen unter den geneigten Lesern erklären, was Ko heißt und wie viel Go sind und was dementsprechend die Fuji Go Ko sind; vielleicht sprechen aber eine Handvoll Bilder besser, die eh genauso überfällig sind wie dieser Eintrag.

Das Sonnenlicht trügt: Die Wolken kamen und gingen, und lösten sich leider nie ganz von der sagenhaften Erscheinung, die einen Berg zu nennen mir eine ungebührliche Untertreibung scheint. Genauso wenig vermochte ich ihr photographisch gerecht zu werden, und versuche darum mit zaghaftem Pathos in Worten zu skizzieren, wie erhaben und gewaltig sie war: wie majestätisch sich die steil nach oben strebenden Hänge jäh vor uns erhoben, wie sogar die Schneetäler daran aufwärts zu fließen schienen, und wie der enorme, flache Krater nur schemenhaft durch den leuchtend von der Sonne beschienenen Wolkennebel schimmerte.

Berge sind mir durchaus kein neuer Anblick, ich sah ja auch die Alpen auf der Heimfahrt nicht zum ersten Mal, so hübsch und blau und gestochen scharf sie gerade an jenem Spätnachmittag auch in der klaren Föhnluft lagen. Doch der Fuji ist auf schwer begreifliche Weise von anderem Kaliber: womöglich wegen seiner kantigen, konkaven Form, womöglich wegen der unvermittelten Markantesse, mit der dieser elegante Koloss inmitten des zwar malerischen, aber doch eher überschaubar dimensionierten Gebirges ringsum thront. Ich bestaunte ihn, sooft der Wolkendunst es mir gestattete und solange ich im rauen Wetter jener Höhenlage nicht erfror, läutete behutsam die herzförmig umrahmte Glocke des von Hasen bewachten Schreins auf dem Hügel, von dem aus sich die obige Aussicht bot, und richtete im Geiste einen Wunsch an den vor mir schwebenden Gipfel.

An dieser Stelle sei mir ein Zeitsprung zum Sonntag gestattet, wo sich unsere quintessentielle Erfahrung des Landes Japan vervollkommnete: Gemeinsam mit unserer lieben neuen Freundin suchten wir den Yoyogikoen auf, in dem an diesem Wochenende zum ersten Mal die Kirschbäume in voller Blüte standen. Wir waren nicht die Einzigen. Zunächst fanden wir uns im Bahnhof Harajuku von hunderten Tokyotern umgeben, im Park dann allmählich von Tausenden, und als schließlich die schier endlose blassrosafarbene Blütenpracht in Sicht kam, vervielfachte sich die Menschenmenge nochmals. Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, dass es Hunderttausende waren, die an diesem Nachmittag auf blauen Planen im Gras Platz genommen hatten, Picnic hielten und feierten. Dabei hatte das unvorstellbare Gewimmel nichts Aufdringliches oder gar Bedrohliches: Es war einfach ein beispielloses Spektakel allgemeiner friedlicher Heiterkeit, wie allüberall Leute saßen, aßen, tanzten, musizierten und schliefen (die Japaner haben ja wirklich ein bemerkenswertes Talent dafür, das immer und überall und bei jeder Geräuschkulisse zu tun). Wir trippelten mit einem ununterbrochenen Strahlen in all dem Gewusel umher, hatten weiterhin einen Heidenspaß im mehrsprachigen Radebrechen (man lernte die Vokabeln Kirschblüte und Jägerbomb – irgendwo stand nämlich eine mehrere Liter fassende Flasche Jägermeister herum und das Gespräch kam auf meinen Bruder – beziehungsweise Ajiwao) und genehmigten uns zuletzt noch bei goldenem Abendlicht in einem kleinen Panoramacafé über den Dächern der Takeshitadori unverschämt gute Kiwi- bzw. Mangolassi und Warabi Mochi mit Grüntee und Puderzucker. Die Rückkehr ins Hotel nach einem sehr liebevollen Abschied muss, soweit ich mich entsinne, weitgehend schwebend vor Glück vonstattengegangen sein.

Entsprechend schwerelos geschah dann auch das Packen, der frühe Aufbruch nach Narita am nächsten Morgen und der Flug, der während nicht weniger als dreier Bordfilme (In Time, Carnage und Hugo, alle hervorragend, wenn auch letzterer mich ein wenig verwirrte und verstörte) durchaus rasch verstrich. Im entsprechenden Taumel, in den ich mich durch diese Schilderung nun selbst zurückversetzt und hoffentlich den ein oder anderen mitgenommen habe, verbleibe ich nun, werfe abschließend noch ein Bild aus Kyoto ein, weil es so charmant ist, und mache Pläne, am Wochenende einen Grünteekäsekuchen zu backen!

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