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5. April 2012

 

Tokyo eine große Stadt zu nennen, reicht nicht im Mindesten. So viel sagt ja schon der Name, wenn ich mich recht an die Übersetzung erinnre. Immens kommt der Sache schon näher, oder gewaltig. Sich in diesem Gigant zurechtzufinden, ist ein Kunststück, das mir gelegentlich mit mehr Glück als Verstand gelingt (nur in Metrostationen vermag ich mich, vielleicht der Übung wegen, in der Regel durchaus rasch zu orientieren), meistens aber taumle ich tendenziell verwirrt und verirrt durch die unüberschaubaren Häuserschluchten; so gestaltete sich auch heute die Heimkehr nach einem mehrstündigen Alleingang, der in Sachen Kraftaufwand mehr einem Marathon denn einem Stadtbummel glich, etwas labyrinthisch. Kaum hatte mich die Bahn in Hamamatsucho ausgespuckt und ich den richtigen Ausgang gefunden, setzt meine Erinnerung ein paar Straßen weit aus; ich wartete auf die Ladenfronten und Straßenzüge, die ich mir auf dieser eigentlich vertrauten Strecke eingeprägt hatte, wurde stattdessen aber nur von immer neuen Ansichten dieses doch eigentlich winzigen Viertels überrascht. Es kostete mich eine Rückkehr zum Bahnhof, einen Umweg über die Hauptstraße, hunderte Blicke zu den überirdischen Bahnschienen sowie zum Tokyo Tower, die man leider beide nicht nur vom Hotel, sondern anscheinend von überall zu beiden Seiten sieht, und zahllose Flüche im Flüsterton, bis ich schließlich völlig unvermittelt hinter einer Kurve das Hotel erblickte und darüber eigentlich fassungsloser war als über meine desorientierten Streifzüge zuvor.

So bin ich also schmerzenden Fußes, aber wohlbehalten heimgekehrt, fühle mich so fertig, wie ich eh den ganzen Tag ausgesehen haben muss (was so ein blaues Auge ausmacht!), und schmeiße mich nun noch in einen meiner neuen Einkäufe, ehe ich mich der Reihe nach zum Abendessen, ins Onsen-Bad (das klingt aber komisch. Dabei ist es doch gar keine Doppelung, denn Sen heißt meines Wissens Quelle) und schließlich ins Bett schleppen werde: schöne Aussichten.

In einem der Kaufhäuser auf der Ginza einzukaufen, ist eine bemerkenswerte Erfahrung, die wundervolle und beängstigende Momente in sich vereint. (Allein heute habe ich es durch OIOI, Matsuya, Matsuzakaya, Mitsukoshi, Printemps und Nishi geschafft, was vielleicht meine oben skizzierte Erschöpfung erklärt.) Im Laufe meines kurzen Lebens habe ich mir ja bereits einen pokerfaceartig eingefrorenen Gesichtsausdruck antrainiert, der immer dann automatisch einrastet, wenn ich nichtsahnend nach dem Preis einer Klamotte sehe und derselbige sowohl meine Erwartungen als auch meine finanziellen Möglichkeiten um ein Vielfaches übersteigt: eine Art nonchalant-blasierten Desinteresses, mit dem sorgsam verbissenen Anflug eines geschmerzten Lächelns. Den habe ich heute oft gebraucht, bspw. als ich den ersten Stock des Matsuya durchquerte, der fast schon dazu gedacht scheint, das Fußvolk vom Betreten der oberen Stockwerke abzuschrecken und beim Anblick der aneinandergereihten Boutiquen namhafter europäischer Marken hochkant in die Flucht zu schlagen. Ich war ausgesprochen erleichtert, nach einer weiteren Rolltreppe wenigstens wieder Kleider auf Stangen statt auf Puppen zu erblicken, und zwar jeweils mehr als zwei auf einmal, sonderlich bezahlbar wurde es aber leider kaum noch. Dementsprechend zwiespältig war der übersprudelnde Beratungseifer der Verkäuferinnen, sobald ich es wagte, den Ärmel eines seidenen Hauchs von Nichts mit den Fingerspitzen zu streifen, insbesondere da mein Japanisch nicht zum höflichen Abwimmeln reichte und ich mich mit Gesten vorsichtig zurückhielt.

Wenn man aber zur Abwechslung mal nicht vom quälenden Bewusstsein der eigenen Insuffizienz übermannt wird, wird die Aufmerksamkeit der übrigens auch hier in den höchsten Tönen flötenden und näselnden Damen in jedem Laden zur ausgesprochen erfreulichen Angelegenheit. Gerade die verlegenen zweisprachigen Kommunikationsversuche gestalten sich dann sehr nett, und wenn man sich schließlich zu einem Kauf durchringt, nehmen die Freundlichkeitsüberschüttungen gar kein Ende mehr. Für den Rock, den ich nach wie vor gleich anzulegen plane, habe ich zwei Anläufe und zwischendurch Bedenkzeit gebraucht, weswegen ich sogar in den Genuss zweier Verkäuferinnen kam. Mit beiden gab es redselige Diskussionen über Schnitt, Passform, Farbgestaltung usw. auf Japanisch und Englisch mit einer winzigen, aber dafür umso erfreulicheren Schnittmenge des gegenseitigen Verständnisses; wir einigten uns schließlich darauf, dass das Teil very cute bzw. totemo kawaii sei, batenvieltausendmal um Verzeihung für unsere jeweilige sprachliche Imkompetenz und übertrafen die Zahl der Entschuldigungen nur noch durch Dankesbekundungen. Am Ende wurde mir sogar meine Tüte noch bis zur Tür nachgetragen, was mich vor lauter Begeisterung und Verlegenheit beinahe vergehen ließ.

Verständigungsversuche sind überhaupt etwas Schönes: Vor einigen Tagen haben wir zusammen mit einer japanischen Bekannten, die Englisch an der Universität lehrt und dementsprechend vor einem sehr putzigen Akzent (Oh, reary?) einmal abgesehen perfekt beherrscht, und ihrer Mutter, die kein Wort irgendeiner mir einigermaßen bekannten Sprache spricht, einen Ausflug nach Amanohashidate gemacht. Die alte Dame ist ganz zauberhaft, klein und zierlich und ausgesprochen mitteilsam. (Sie erinnerte mich ein klein wenig an die ebenfalls winzige russische Großtante meines Freundes, die mich beim Ballettbesuch in Moskau auf die Toilette begleitete und unaufhörlich auf mich einredete, allerdings ohne die Übergriffigkeit, die mir bei jenem Anlass zuteilwurde, und dafür mit deutlich mehr Charme.) Als wir einige Minuten allein miteinander auf einer Parkbank saßen, schafften wir es tatsächlich ein Gespräch zu führen, in dem ich mit meinen paar Brocken Hauruckjapanisch immerhin imstande war zu erklären, wo ich studiert hatte und wie lange und warum mein Englisch dementsprechend nicht so bestürzend schlecht sei wie mein Japanisch. Wir waren beide ganz begeistert.

Der liebe Freund der Familie (seines Zeichens Professor und der arroganteste, aber auch charismatischste Japaner, den ich kenne), der uns gestern in den obersten Stock des Daimaru am Hauptbahnhof einlud, bestand wiederum darauf, dass wir all unsere Japanischkenntnisse, die sich in meinem Fall wie gesagt auf eine kümmerliche Handvoll Floskeln belaufen, eifrig anbrächten; wir hatten reichlich Gelegenheit zu üben, indem wir uns eine ganze Flasche Sake (der einzig wahre Sake, wie er meinte, nämlich Daiginjo) aus immer wieder aufgefüllten winzigen Gläschen, die wir uns vorher sogar selber aussuchen durften, nach und nach hinter die Binde gossen. Der Schnaps machte den Abend und auch unseren Gastgeber ausgesprochen unterhaltsam, begleitete ein Essen von unbeschreiblicher Delikatesse und wurde gefolgt von einem Obstgang und zwei Erdbeer-Basilikum-Martinis, was, wie ich meine, so ziemlich den Gipfel des irdisch möglichen Genusses darstellt. Leben wie Gott in Japan, sollte es heißen, das tun wir nämlich so was von.

In diesem Sinne stürze ich mich nun, da ich mich wieder einigermaßen rühren kann und meine Fußsohlen allmählich an Taubheit verlieren, endlich auf das japanisch-italienische Abendbuffet im Erdgeschoss und entschuldige mich für den Mangel an photographischer Evidenz, den ich vielleicht bei Gelegenheit noch ausgleiche. Ich hoffe sehr, dass die kulinarischen Anschaulichkeiten es wett machen.

 

One Comment leave one →
  1. 5. April 2012 1:41 pm

    Tun sie zwar nicht, sind aber trotzdem erfreulich.
    Die Redewendung mit Gott in irgendwelchen Ländern habe ich nie ganz verstanden. Die einschlägige Literatur vermittelt eigentlich eher den Eindruck, dass seine seltenen Besuche auf diesem Planeten größtenteils eher unerfreulich verliefen, vom virtuellen Sex mit Maria möglicherweise abgesehen, da ist zum Unterhaltungswert ja nichts überliefert.
    Oder geht es um einen der anderen Götter? Die waren doch aber garantiert nie in Frankreich, außer den keltischen, und die wiederum machen auch eher einen freudlosen als einen genussorientierten Eindruck.

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