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Glück und Leid

3. April 2012

Wenn es hier nicht abgesehen von verschiedenen Gebrechen, derer mich eines nach den anderen heimsucht, so schön wäre, würde ich sagen, dieses Land hat sich gegen mich verschworen: Kaum verkrümelt sich meine Erkältung, hole ich mir erstens eine gefühlte mittlere Gehirnerschütterung am Autotürrahmen des ersten Tokyoter Taxis, in das ich steige, und bekomme zweitens von einem ungeschlachten Zeitgenossen, der mir in der Stadt entgegenkam und, indem er gegen den um uns tobenden Sturm und Regen anrannte, seinen Schirm beinahe waagerecht vor sich herschob, die Spitze desselbigen ins rechte Auge. Der Schuft hat sich nicht mal umgewandt und sich nach meinem Befinden erkundigt, was nicht nur eines Japaners höchst unwürdig ist (entschuldigt man sich doch hier sonst schon für knapp vermiedene Zusammenstöße ganz selbstverständlich, vgl. in England), sondern in einer solchen Situation an Fahrerflucht grenzt. Da ich aber mein Augenlicht behalten, unlängst eines dieser putzigen Handtücher im Taschentuchformat erstanden und beim Abendessen im Hotel ein Glas voller Eiswürfel erbeutet habe, die sich darin einwickeln und gegen mein Gesicht halten lassen, ist eben doch alles nicht so schlimm, und wird durchaus aufgewogen von den Großartigkeiten dieses Urlaubs.

Die Stadt, in der alles klein und niedlich und gemustert und zahlreich ist, haben wir heute hinter uns gelassen; unser Gepäck hat sich vor lauter Mitbringseln und Geschenken beinahe verdoppelt (was die Lufthansa dankenswerterweise, wie wir heute erneut zugesichert bekamen, bei Japanflügen toleriert). Auch ich habe allerhand Dinge gekauft, von denen ich zuvor nicht wusste, dass ich sie dringend, ja unbedingt brauche: allem voran Täschchen und Anhängerchen, die es gerade in Kyoto sonderzahl, und speziell zu allen möglichen und unmöglichen Verwendungszwecken gibt.

So befinde ich mich im Besitz eines neuen Portemonnaies, zweier stoffbezogener Brillenetuis, einer neuen glitzernd gemusterten Schutzhülle für mein Telephon, eines seidenen Visitenkartenmäppchens, eines winzigen Täschchens, in dem ich Kontaktlinsen und Medikamente für den gegebenenfälligen Gebrauch unterwegs mitführe, weiterer Beutelchen, um deren Verwendung ich mich nicht zu sorgen brauche, weil ich sie verschenke, diverser Anhängsel (eine schwarzweiße Miniaturkrawatte für meine andere Handtasche, denn eine ist ja schon bestückt, Würfelchen, Kugeln und Vögel zum Verschenken, verschiedene Blümchen sowie eine Katze, die der an unserem ersten Tag erspielten gleicht, für das Portemonnaie), und insbesondere der Krönung der sinnhaften Sinnlosigkeit: ein rosa Beutelchen von der Größe einer handelsüblichen Zigarettenschachtel mit Klemmverschluss und einer Außentasche, in die sich wiederum bequem ein Feuerzeug im passenden Etui, das seinerseits eine Kette am Verlorengehen hindert, schieben lässt – die ganze Chose ist natürlich aus Seidenkrepp, und zwar in Rosa, und zwar mit Kirschblüten und Hasen drauf, und zwar mit diesen besonders putzigen japanischen Hasen, die nur in einem nach vorne verjüngten weißen Oval mit roten Ohren und Augen bestehen. Außerdem habe ich ihr selbstredend bereits einen Anhänger verpasst, eine völlig kugelförmige Glückskatze nämlich, ebenfalls rosa geblümt. Mit Glöckchen. Dass ich neuerdings kaum noch rauche, tut nichts zur Sache: Das war und ist einer der zauberhaftesten und beglückendsten Einkäufe, die ich je getätigt habe. (Wer mag, kann die obige Schilderung zum Anlass nehmen, das zweite Photo im letzten Artikel als Suchbild zu verstehen. NB allerdings, dass einiges zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht erworben war, und die hier üblichen hübschen Verpackungen kleinere Kinkerlitzchen vor dem Blick des geneigten Betrachters verbergen.)

Und obwohl oder gerade weil ich mich in Kyoto bereits in Sichtweite des finanziellen Ruins manövriert habe, stürze ich mich heute selbstredend mit umso mehr Eifer und meinem blauen Auge auf die Ginza. Schilderungen folgen.

6 Kommentare leave one →
  1. 3. April 2012 3:32 pm

    Klingt alles wie immer sehr schön, aber bei den Handy-Schutzhüllen erinnere ich mich doch irgendwie mit einem selbstgerechten Grinsen im Bewusstsein der Überlegenheit und Einzigrichtigkeit meines eigenen Umgangs mit technischen Geräten an einen Aphorismus Johannes Gross‘, der über Leute schrieb, die die Türen ihres Autos mit Gummipuffern versehen: Sie verunstalten ihr Eigentum, auf dass es nicht verunstaltet werde.
    Andererseits weiß ich natürlich nicht, wie er das bei glitzernd gemusterten Gummipuffern gesehen hätte.
    Die sind möglicherweise was anderes.

    • 4. April 2012 3:42 am

      Also ich für meinen Teil trage deutlich lieber bunten Glitzer spazieren als das Apple-Logo. Wenn’s kein ästhetischer Gewinn wäre, ließe ich es auch lieber verkratzen.

      • 4. April 2012 1:19 pm

        Je länger ich über meinen Kommentar nachdenke, desto weniger sinnvoll erscheint er mir.
        Ich denke da wohl noch zu originalistisch.
        Die Schutzhülle an sich, ob für Polstermöbel oder sonstwas, ist in meinen Augen lächerlich, aber wenn sie nur so heißt, in Wahrheit aber der Verschönerung oder sonstigen Zwecken dient, dann gibt es keinen Grund, darüber zu spotten. Obwohl … Naja, ich will das nicht zu sehr vertiefen.
        Hast du besondere Einwände gegen das Apple-Logo, oder stehst du nur generell auf bunten Glitzer?

        • 4. April 2012 4:07 pm

          Ja und ja, aber nur, wenn es, wie im Falle der besagten Hülle, besonders hübscher Glitzer ist (ein libellenflügel-zebrastreifenartiges Muster aus unregelmäßigen Vielecken in verschiedenen Rosa- und Lilatönen). Für das Apple-Logo will ich auch einfach keine Werbung laufen, weil ich zwar Produkte der Marke benutze, aber kein Jünger bin (was eigetnlich unerhört ist, denn man muss sie ja entweder lieben oder verachten), und weil mir das Telephon sonst wieder zu Mainstream wäre: Ich habe es mir ja wegen der Funktionalität, nicht wegen der Marke angeschafft.
          Aber mir wird das Thema grad auch zu komplex, vor allem nach der Menge an Sake, die ich heute hatte (Bericht folgt die Tage). Bleiben wir bei buntem Glitzer und so Sachen.

        • 16. April 2012 10:54 pm

          Ich hab für mein schönes neue Galaxy Nexus ja jetzt spaßeshalber mal die gute Otterbox angeschafft. Ist natürlich unpraktisch wie Hölle, aber hat schon irgendwie was. Und so viel davon.

  2. Guinan permalink
    3. April 2012 7:47 pm

    Das wäre für mich sehr sparsames Shopping geworden, Muster sind nicht so meins. Einfarbig ist ok. Sofern die Farbe schwarz ist.

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