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Überflutung in verschiedenen Sinnen

31. März 2012

Heute habe ich mich einigermaßen von der Erkältung erholt, die mich beim Tagesausflug nach Tottori (wo ich mich, wie versprochen, zumindest ein wenig mit Sand besprenkt habe) heimsuchte. Ihretwegen verbarg ich mein kränkelndes Antlitz den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend hinter einer Mundschutzmaske, was tatsächlich seinen Reiz hat: Man kann aussehen, wie man halt aussieht, wenn man krank ist, und braucht sich weder darum Sorgen zu machen noch um die Richtung des eigenen Hustens.

Jedenfalls befand ich mich heute Morgen wieder wohl genug, um dem strömenden Regen in die gigantische, weitestenteils überdachte Einkaufsmeile zu entfliehen. Wir sind in Kyoto, der einzigen Stadt bisher, die ich zum  zweiten Mal besuche, und derjenigen mit dem umfangreichsten und herzallerliebsten Auswahl aus rosa geblümtem Seidenkreppgewusel mit Hasen und Katzen und Fischen und Bommeln und Schleifchen. Das erste Quietschen entlockte mir ein Laden, der nur, und zwar nur! diese putzigen Anhänger führte, deren nunmehr drei meine Handtasche schmücken: ein kleiner goldener Fächer, eine schwarze Quaste (ich mag Quasten) sowie ein schwarz, grau, altrosafarben und golden gemusterter Stoffstreifen, mit Leder hinterlegt und von goldenen Spangen stabil gerahmt. Sie machen sich sehr hübsch so zu dritt.

Ferner, im Sinne einer Beweisphotographie:

eine Auswahl der übrigen Erwerbnisse. (Die Tasche liegt nicht schrems, sie ist tatsächlich asymmetrisch geschnitten.)

Zwischendurch kehrten wir in einer Okonomiyaki-Kneipe ein, in der schräg über uns auf einem enormen Flachbildschirm tonlos Deep Blue gezeigt wurde: ein angenehmer Kontrast zur glitzernden, bunten, detailreichen, klimpernden und melodisch plärrenden Reizüberflutung des übrigen Tages. An ein gewisses Hintergrundrauschen bunter und an Piktogrammen reicher Hinweistafeln sowie jeder Menge höflicher Worte ringsum gewöhnt man sich ja durchaus im Verlauf einer Woche in diesem Land, aber was hier in Kyoto tobt, ist von völlig anderem Kaliber. Nicht nur das Sortiment, auch die Verkäufer tragen das Ihrige dazu bei: Wie üblich begrüßen sie jeden Kunden im Geschäft mit einer Reihe von Sätzen, sinngemäß, »Herzlich willkommen, vielen Dank, dass Sie da sind, bitte sehen Sie sich um, bitte scheuen Sie sich nicht, wenn Sie Fragen haben, sie zu stellen, vielen Dank usw.« und verabschieden ihn mit einem syntaktisch schlichteren Arigatō Gozaimasu, dessen letztgesprochene Silbe dafür umso grotesker in die Länge gezogen wird. Die Stimme, mit der das in dieser Stadt passiert, sucht aber in der Penetranz ihresgleichen, so schrill, nasal und durchdringend ist sie beinahe ausnahmslos. In Harajuku, wo ich bei meinem letzten Japanurlaub zuallererst einkaufen war, sind die Verkäuferstimmen, soweit ich mich erinnere, etwas zarter.

Es gab einen Laden, der bis auf eine kleine Ecke wohl osterbedingt mit Hasenmotiven versehener Artikel nur Merchandise der Marke Hello Kitty verkaufte: Bis zur Decke waren die Wände gepflastert mit Täschchen, Püppchen, Tüchlein und Nippes, samt und sonders mit putzigen Kätzchen verziert. Es gab einen, der ausschließlich Essstäbchen führte und darum ein bisschen so aussah wie Ollivander’s. Es gab den besagten Anhängerladen. Es gab natürlich auch reine Fächerläden. Und es gab den Katzenladen, den ich von meinem letzten Japanurlaub schon kenne und der alle vorherigen in sich vereint, allerdings mit traditionellen japanischen Glückskatzen (und Hasen und Eulen und Schweinen usf.) als zentralem Motiv.

Wo ich gerade von Läden spreche: So sehen hier Drogerien aus.

Meine Hustenbonbons habe ich anhand der hilfreichen Illustrationen an verschiedenen Symptomatiken leidender Figuren aber dann doch relativ bald gefunden.

Wir haben den Tag erschöpft und zuletzt verfroren, aber glücklich überstanden und freuen uns nun auf ein heißes Bad im hoteleigenen Onsen. Das Abendessen wird sich in Grenzen halten, nachdem wir nachmittags insgesamt vier Schalen und Becher mit verschiedenen geleeartigen Substanzen in Würfelform, Grünteeeis, Adzukibohnen und Sahne verschlungen haben.

À propos, ein Nachtrag:

das besagte obszön gute Frühstück in Okayama. Beim Gebäck angefangen, spiralförmig gegen den Uhrzeigersinn: Sesambrötchen, Winzcroissant, Joghurt mit Kiwi-, Erdbeer- und Blaubeersauce, gerösteter Tee, Udon mit Sesam und Lauchzwiebeln, extra Fruchtsauce als Marmelade, Kürbisgemüse, Misosuppe mit Algen, Tofu mit Sojasauce, Orange, Trauben und Kaffeegeleewürfel. Sprich, ein gustatorisches Feuerwerk, eine Offenbarung, der vorstellbar beste Tagesanfang.

Weitere Nachträge, Tottori betreffend, folgen. Ich empfehle mich und gehe im heißen Badewasser zerschmelzen.

7 Kommentare leave one →
  1. 31. März 2012 10:57 pm

    Schrems?

    • 1. April 2012 3:03 pm

      schief, scheps, schrems

      • 3. April 2012 10:44 am

        Jedes Mal lerne ich hier was.
        Und ein Shirt mit verschiedenen Fensterstilen habe ich auch noch nie gesehen, glaube ich.

        • 3. April 2012 10:57 am

          Es sind sogar ganze Häuserzeilen, vier an der Zahl. Die Fenster wiederholen sich aber.
          Das Shirt ist einer der zahlreichen Käufe bei Uniqlo, die es übrigens auch in England gibt und die sehr zu meinem Chagrin immer noch keine deutschen Filialen habe. Lulu Guinness Collection, glaube ich.

  2. Guinan permalink
    2. April 2012 12:12 am

    Kaffeegeleewürfel hätte ich ja auch gern mal probiert.

  3. 3. April 2012 11:04 am

    Ach ja… Hab ich doch wieder nicht gründlich genug hingeschaut, da sind wirklich Häuser, sogar mit Türen und allem.
    Uniqlo hab ich auch schon mal gesehen. Die haben schicke Sachen, bräuchten für Deutschland aber vielleicht einen anderen Namen.

Trackbacks

  1. Glück und Leid « modernisma

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