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fernöstliche Ausschweifungen

28. März 2012

Die letzten drei Tage standen im Zeichen kulinarischer, botanischer und photographischer Exzesse. Wir entflohen der windigen Kälte im bergigen Awa-Ikeda und zuletzt sogar einer dünnen Neuschneedecke ins an der Südküste der Insel Shikoku gelegene Kochi. Nur eine halbstündige Busfahrt, die wir so bald als möglich nach unserer Ankunft zum ersten Mal antraten, trennte uns dann noch vom Pazifik: Kaum hatte man es von der Haltestelle durch eine industriegebietsartige Anlage von Touristenbespaßungen an den Strand Katsurahama geschafft, durfte man den Ozean bestaunen, dekoriert durch einen pittoresk auf einer klippenartigen Anhöhe gelegenen Schrein und glatt und blau und endlos.

Der Anblick war wundervoll, wenn auch noch nicht Auslöser oder Motiv für die photographische Wut, die uns später überkam: An der Busstrecke zwischen Kochi und Katsurahama liegt nämlich ein botanischer Garten, und obschon die Kirschblüte auch hier verzögert eingetreten war, überwältigten uns dort bei strahlendem Wetter bunte Blumenmeere: Magnolien, Azaleen, Hibisken, Kamelien und endlich auch der ein oder andere von unverhofft üppigen rosafarbene Blütenwolken umwattete Kirschbaum.

Die beiden Nächten in Kochi verbrachten wir in einem Hotel, das einem traditionellen Riokan glich, obgleich es wohl im engeren Sinne keines war. Die Räume waren mit Tatamimatten ausgelegt, auf denen es sich wie immer dermaßen traumhaft (pardon the pun) schlief, dass ich mir zuhause einen Futon anschaffen will; das Essen gab es zwar nicht auf dem Zimmer, dafür war es aber jeweils (zwei Frühstücke und zwei Abendessen nahmen wir in Anspruch) individuell zusammengestellt und für unsere nur bedingt mit japanischen Geschmäckern vertrauten Gaumen ein experimentelles Erlebnis.

Am ersten Abend gab es verschiedene Tempura (frittierte Krabben nebst weniger eindeutig Identifizierbarem), Misosuppe mit Muscheln, Krebsscheren, eine Sashimiauswahl und Meeresschnecken, an die ich mich, obwohl ich im Leben noch nicht einmal Escargot probiert habe, tapfer wagte und es tatsächlich schaffte, zwei der hartnäckigen Mollusken mit Essstäbchen an ihren spitz bezahnten, tja, was? Stacheln? Füßen? aus ihren Häusern zu zupfen. Es gab noch mehr, eine enorme, erhöht auf dem Tisch thronende Platte sowie verschiedene bunt gemusterte Schälchen für jeden, die vor interessanten und zugegeben teils gewöhnungsbedürftigen Delikatessen überquollen; wir schafften vielleicht die Hälfte.

Am zweiten Abend gab es Shabu Shabu, was mich zunächst in Begeisterungsstürme ausbrechen ließ, ehe ich bemerkte, dass es mit Schweine- statt Rindfleisch serviert wurde; dass ich es mit meinem dürftigen Japanisch schaffte, mir eine Bitte nach Sesamsauce zusammenzustammeln, war erfreulich, und die übrigen in der Algenbrühe gegarten Zutaten vorzüglich. Noch dazu verwöhnte man uns mit frischen Erdbeeren und irgendeinem obszön sahnigen Dessert.

Zum Frühstück gab es bis auf Tee und Suppe nur Dinge, die zum Frühstück zu essen ich beim besten Willen mit meinem anderweitig konditionierten und schon für ein Full English Breakfast zu morgenmuffligen Magen einfach nicht schaffte: sauer eingelegten und rohen Fisch (wir waren schließlich am Meer), gekochten, aber kalten Spinat, Wurzelgemüse und je einen leicht verfälschten Schnipsel europäischen Frühstücks, bspw. Würstchen oder gezuckertes Rührei. In diesem Sinne freue ich mich über alle Maßen wieder im selben Hotel in Okayama zu nächtigen wie an den ersten beiden Tagen: Morgen früh wartet erneut der Luxus von Udon, gekochtem Kürbis und Joghurt mit Kiwi- und Erdbeersauce!

Den Gipfel der Ausschweifung aber erreichten wir heute Abend in einer kleinen Kneipe im Bahnhofsviertel von Okayama: Edamame, yakitoriartig marinierte Steakhappen, Muscheln, irgendwas mit Tofu, Rind und Ei, dazu Pflaumenwein, anschließend verboten gutes schwarzes Sesameis mit Mochi und Sahne, irgendwas mit Kinako und Vanilleeis sowie ein alkoholfreies Getränk mit Kiwipuree und Tonic Water, in das man bloß einen Schnaps zu kippen braucht, damit es meinem bisherigen Lieblingsaperitif, dem Hugo, durchaus Konkurrenz macht. Ich werde mir das merken, jetzt aber entsprechend satt und zufrieden in mein Hotelbett sinken, um morgen die Dünen von Tottori zu besuchen und mich wie versprochen rituell für mein Schweigen der letzten Wochen zu kasteien.

Eine Frage noch zuletzt. Da dies ohnehin zeitweilig zum Reisetagebuch sich wandelt: Möchte die geneigte Leserschaft sich an weiteren Photographien ergötzen? Es gibt Blumen über Blumen, Tempel & dgl., Landschaften und gelegentliche kuriose Putzigkeiten. Bitte schreit Hier oder Bitte nicht oder wonach euch sonst der Sinn steht!

3 Kommentare leave one →
  1. 28. März 2012 4:27 pm

    Hier!
    Pics or it didn’t happen.

  2. Guinan permalink
    28. März 2012 8:21 pm

    Und nochmal hier🙂

Trackbacks

  1. Überflutung in verschiedenen Sinnen « modernisma

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