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von Katzen, Kurvenfahrten und Kirschbäumen

25. März 2012

Durchgefroren und durchgeschüttelt kehre ich heute ins Hotel zurück: Wir haben uns eine Bustour durch das bergige Umland von Awa-Ikeda auf Shikoku angetan, deren Führerin eine bemerkenswerte Fähigkeit zum schnellfeuerartigen Sprechen ohne Atempausen an den Tag legte und ihren Monolog auf der insgesamt vierstündigen Fahrt tatsächlich nur für eine Gesangseinlage unterbrach, die insbesondere für des Japanischen unkundige Passagiere (aber wir waren ja nur zu zweit und hatten uns schon an ein rudimentäres bis ausbleibendes Verständnis ihrer wortreichen Erklärungen gewöhnt) etwas unvermittelt kam, aber durchaus hübsch anzuhören war. Auch sie bemerkte wiederholt die fiese Kälte und bot uns für die Bootsfahrt, die einen Teil im Minutentakt durchorganisierten Gruppenunternehmung bildete, niedliche jackentaschengroße Heizkissen an. Auf dem Fluss gab es windhosenartige, bunt bemalte Fische aus Fallschirmseide, die an langen Schnüren gespannt über unseren Köpfen flatterten, sowie interessante vom Wasser geschliffene Felsformationen zu bestaunen; wirklich aufregend wurde es aber, je höher wir in unserem röhrenden, dankenswerterweise für einen Bus recht kleinformatigen Gefährt die beängstigend schmalen Serpentinen erklommen. Man überquerte nämlich im Sinne eines Höhepunkts eine jahrhundertealte, dankenswerterweise aber alle drei Jahre renovierte Brücke aus irgendwelchen morsch anmutenden, aber sichtlich metallverstärkten und zu stabilen Tauen gewundenen Ranken, deren eigentlichen Kitzel der Abstand zwischen den Sprossen ausmachte, auf denen man über den Canyon balancierte. Einige sichtlich ortskundige Jungspunde versuchten einander in der Mutprobe zu übertreffen, freihändig zwischen den zu beiden Seiten sich mehr oder minder verkrampft an den seitlichen Tauen entlanghangelnden Touristen über das spärliche, schwankende Holz zu marschieren; ich selbst hätte das, als ich mir mit dem einmaligen Überqueren des Flusses entsprechende Trittsicherheit angeeignet hatte, auf dem Rückweg gerne auch probiert, wurde aber von einer entschiedenen Lautsprecherstimme, als deren Adressatin ich mich glücklicherweise schon nach ein paar Schritten erkannte, sofort wieder retour geschickt: Die Brücke war zwar zu jenem Zeitpunkt beinahe leer, aber doch eine touristisch durchorganisierte Einbahnstraße, und ich war eben schon mal drüben angekommen. Schade eigentlich.

Aber genug zum heutigen Tag. Der gestrige nämlich stand im Zeichen dessen, weswegen ich mich einen Keks freue, wieder in Japan zu sein. Erstens.

Das sind zwar Pflaumenblüten, aber m.E. stehen die denjenigen der Kirsche hierzulande nur insofern nach, dass der nationale Kult sich eben nur auf letztere erstreckt und Pflaumenbäume darum nicht so systematisch und pittoresk inszeniert werden; im Korakukoen-Park von Okayama begrüßte uns darum an planmäßig bepflanzter Stelle ein enormer, leider noch kahler Hain von Kirschbäumen, hinter dem sich ganz unanmaßend ein rosafarbenes Pflaumenblütenmeer verbarg.

Zweitens: Als wir im Anschluss an regelrechte photographische Exzesse glückselig strahlend den Park verlassen hatten und durch die Stadt wandelten, begegnete uns einer dieser transparenten, mit kleinen, oft flauschigen Gewinnen gefüllten und mit einer mechanisch bedienbaren Klaue versehenen Kästen, die in diesem Land so zahlreich anzutreffen sind. Ich versuchte mein Glück und unterschätzte die Spannweite des geöffneten Greifarms. Ich versuchte mein Glück erneut und überschätzte die Strenge, mit der er sich schloss. Ich versuchte mein Glück ein drittes Mal. und:

Man beachte den Fisch!

Ich brauche sicherlich nicht zu explizieren, dass gestern ein sehr, sehr glücklicher und erfolgreicher Tag war. Wann immer mich die Katze von ihrem strategischen Plätzchen in einer Ecke meiner Handtasche anlinst, ist es erneut um mich geschehen. Allein ihretwegen ist dieses wundervolle Land die Reise wert.

4 Kommentare leave one →
  1. 25. März 2012 1:22 pm

    An diese Greifarmdinger habe ich mich ja noch nie rangetraut. Meine Mutter hat mir das auch immer verboten.
    Ein sehr apartes Lächeln hast du da übrigens, falls es deines ist. (Hätte ich das auch bei einem männlichen Blogger geschrieben? Ist das jetzt borniert und bigott von mir? Oder sonstwie unpassend. Naja, es fiel mir eben auf.)
    Fressen Katzen wirklich gern rohe Fische, und ist das auch gut für sie?
    Ich muss auch unbedingt mal nach Japan.

    • 25. März 2012 2:48 pm

      In analoger Reihenfolge:
      Ich habe auch erst in Japan damit angefangen. Man hat eigentlich auch nur hier eine Chance, weil immer Berechtigte nebendran stehen, die zwischendurch das Plüschzeug dergestalt anordnen, dass man zumindest den Hauch einer Chance hat.
      Ist es. (Ist es nicht.)
      Ersteres ja, zweiteres weiß ich nicht. Eine beweishafte Anekdote für die Vorliebe: Unserer Katze ist vor einigen Jahren das bemerkenswerte Kunststück gelungen, einen lebendigen Goldfisch unbemerkt im Munde verborgen ins Haus zu tragen und auf den Teppich zu speien, von wo ihn mein Bruder rettete und beim Herumfragen, aus welchem Teich er entwendet worden sei, kurzerhand an die Nachbarn verkaufte, da sonst niemand Anspruch erhob. Also, ja, Katzen fressen wirklich gern rohe Fische, oder hätten es in dem Fall gern getan.

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  1. Glück und Leid « modernisma

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