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in die Ferne

24. März 2012

Der (vor-)gestrige Flug von Frankfurt nach Kansai Kokusai Kuko (was für ein herrlicher Name!) dauerte elf Stunden, und zwar von zwei Uhr mittags bis neun Uhr morgens, jeweils Ortszeit. Ich verbrachte ihn damit, mit kindlich vergnügtem Quietschen ohne Unterlass auf dem vollautomatisch verstellbaren Sitz herumzuturnen, der sich nach einem mir bis zuletzt unbegreiflichen Prinzip beim Druck derselben Tasten bald hob, bald senkte, bald vor- und zurückschob, außerdem mein Glück kaum fassen zu können und mich dementsprechend in der so genannten Klasse, in die ich da ohne eigenes Verschulden geraten war, ausgesprochen deplatziert und dennoch mopsfidel zu fühlen; ferner schlief ich, und zwar das erste Mal auf einem Langstreckenflug überhaupt, tatsächlich zwischendurch mehr als eine Stunde am Stück (nämlich zweieinhalb), las in der Zwischenzeit ein paar Kapitel des vor meiner Abreise eilig ergatterten Romans und ließ mich von mehreren je einstündigen Mixtapes (meinem Bruder und seinem Musikgeschmack sei Dank) in ziemliche Entrückung dröhnen.

Im Übrigen war ich einmal mehr fasziniert von der Zeit- und Raumlosigkeit des Fliegens: Binnen Stunden hatten wir sowohl mir bekannte und vorstellbar weit entfernte Länder und Landschaften (Lettland, Finnland, den Westen Russlands) als auch welche überquert, in denen ich nie war, die wir dabei aber ja sozusagen durchreisten (Sibirien, China, Korea, die Mongolei), und waren außerdem sprichwörtlich durch die Nacht geflogen und ihr dabei rasch entronnen. Das schon aus Gründen der vielzitierten nationalen Mentalität rücksichtsvolle Naturell, das die meisten unserer Mitreisenden auszeichnete, verbot ihnen, während der Nachtruhe (nach welcher Nacht wo auf der Welt die sich auch richtete) die Fensterabdeckungen zu lüften, weswegen ich Sonnenauf- und -untergang versäumte und also erst recht keinen Bezug mehr zum Rest der Welt und ihren Zeitzonen zu fühlen vermochte.

Entsprechend losgelöst von Zeit und Raum, und nicht zuletzt auch in einem der Dauer der Reise völlig ungehörigem Maße ausgeruht, waren wir also auf einmal hier in der fremdartig vertrauten Ferne (die ich, das sollte ich im Sinne der Nachvollziehbarkeit hinzufügen, schon vor einigen Jahren einmal für zwei Wochen besucht hatte, deswegen aber noch längst nicht kenne).

Kaum trat man am Flughafen zur Passkontrolle, fing es an: Alles machte Geräusche, zirpte, klingelte, schellte; Bildchen überall, Piktogramme, putzige Erklärmaskottchen, und jene durchaus graphischere Schrift als die unsere; wann immer jemand sprach, tat er es mit zahlreichen, von Höflichkeiten durchtränkten und rasant sprudelnden Worten, unter beidhändigen, sehr geradlinigen Gesten und mit einem unregelmäßigen, aber berechenbaren Beugen des Kopfes und der Schultern. Wie genau sich das noch im Flughafen gestaltete, erläutere ich mal aus demjenigen Grunde nicht, aus dem man da ja auch nicht filmen darf; das Ganze steigerte sich ja ohnehin noch, als wir es bis zum Bahnsteig geschafft hatten, an dem unser Zug nach Shin-Osaka abfahren sollte: Die Rolltreppen wiesen einen mit einem leisen Gong und freundlich gesprochenen Worten sowohl auf ihr Betreten als auch das nahende Ende der Fahrt hin. Die Gleise überschallte ein rätselhaftes Vogelgezwitscher, durchbrochen von kurzen Melodien, die entweder Durchsagen ankündigten oder auch völlig ohne erkennbaren Anlass ertönten. Man stand allerdings in diesem Falle, wohl weil es sich bei den Anwesenden zu weiten Teilen um Touristen und außerdem um nachvollziehbar übernächtigte Fluggäste hielt, nicht exakt in Warteschlangen an den Sollhaltestellen der einzelnen Zugtüren, sondern lümmelte noch einigermaßen außer Reih und Glied auf dem Bahnsteig herum. Als die Bahn einfuhr, machten sich ohnehin zunächst einige blau Uniformierte, samt und sonders mit Mundschutzmasken, über sie her, verhängten die Eingänge mit untertänigst um Geduld bittenden Schildern, putzten geschwind durch und stellten sicher, dass sich die drehbaren Sitze ausnahmslos in Fahrtrichtung befanden, ehe sie uns einließen. Zwei entsprechend komfortable Zugreisen später erreichten wir erschöpft und zufrieden unser Hotel in Okayama und ich mein Bett darin, das ich an jenem Tag, in dessen Verlauf ich mich dann doch der übermannenden Müdigkeit ergeben musste, nur für ein heißes Bad im obersten Stockwerk wieder verließ.

Da ich damit meinen Biorhythmus erfolgreich dahingehend umgestellt habe, dass ich morgens um vier wach werde und abends um neun müde (und ich will gar nicht wissen, was das in Deutschland für Zeiten sind), werde ich es für heute bei diesen paar Impressionen von der Reise im engeren Sinne des Wortes belassen und mich erneut dem Bette, diesmal schon einem in Awa-Ikeda, anempfehlen. Von den Katzen und Kirschbäumen, die uns heute in Okayama begegneten, bald mehr!

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