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aus gegebenen Anlässen

21. März 2012

Zuallernächst schlage ich, um dem ersten der besagten Anlässe gerecht zu werden, im Blaubär das Gimpeln nach: ein Reueritual, das im Wesentlichen darin besteht, sich mit Sand zu bewerfen und das eigene Versäumnis in die Wüste zu schreien (in einer ebensolchen hausen nämlich die nomadischen Gimpel, nachzulesen im neunten der dreizehneinhalb Lebenskapitel). Mir scheint es in eigener Sache angebracht, weil ich diesen Blog auf das Sträflichste,  Schäbigste und Schmählichste vernachlässigt, ja sogar von Muriels bezaubernder Verlinkung (allerliebsten Dank!) erst mit mehrwöchiger Verzögerung Wind bekommen habe.

Leider habe ich keinen Sand zur Hand. Morgen allerdings breche ich nach Japan auf, und in einer Woche dürfte es mich in die Dünen von Tottori verschlagen, also kann ich das vielleicht nachholen.

Die Moers-Zitate nehmen wirklich überhand: Sie gehören eigentlich durch Bezugnahmen auf andere Autoren ausgeglichen. Vielleicht liegt es an der gegenständlichen Art der zamonischen Phantastereien, dass sie mir öfter einfallen als abstrakte, wenn auch noch so beredte Worte, vielleicht an meiner langjährigen Prägung durch die Lektüre, vielleicht auch an der Allgemeinverträglichkeit (im Sinne des Sitten- und Jugendschutzes) meiner sonstigen Lieblingsbücher: In den letzten Wochen habe ich mich in rasender Begeisterung durch sämtliche Dexter-Romane gearbeitet, die ihrer seriellen Televisierung (von der ich andernorts schon geschwärmt habe) in abstruser Blutrunst und Psychopathologieverherrlichung nicht nur keineswegs nachstehen, sondern sie noch um Längen übertreffen. Gleiches gilt übrigens für einen Film, auf den ich gestern gestoßen bin und der mich nachhaltig beeindruckt hat: Er verbindet auf elegante Weise makabre Grobschlacht und bittersten Humor (es sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich angesichts zweier besonders unvermittelter Blutvergießungen in derart schallendes Lachen ausbrach, dass ich selbst davor erschrak) mit einer hinreichend unprätentiösen Prise ethischen Hintersinnes, ist brillant, um nicht zu sagen perfekt besetzt, und basiert seinerseits auf einem Buch mit Namen The Repossession Mambo, das dank Amazon Morning Express bereits in meiner Handtasche des morgigen Langstreckenfluges harrt.

À propos Reisen: Ich hatte ja noch einen Anlass, einige Zeilen zu verfassen. Heute verfiel ich nämlich auf die attraktive, aber wohl doch feige Idee, das Leben könne doch wohl ein wenig mehr mit Speed Dating gemein haben. Insbesondere Bahnfahrten! Denn man denke sich das folgende Szenario: Zwei Menschen betreten durch dieselbe Tür einen Zug, ohne sich zuvor auf dem Bahnsteig begegnet zu sein. In Ermangelung anderer Sitzplätze entfernt man sich eine halbe Wagenlänge voneinander, von gelegentlichen Blicken abgesehen, deren Tiefe zwar durchaus nicht für ein anlass- und vorwandloses Ansprechen eines Wildfremden ausreicht, aber doch nahelegt, dass man gegen Anlass oder Vorwand beiderseits eigentlich gar nichts gehabt hätte. Wäre es nun nicht herrlich, wenn man diesen Gedanken zentral vermerken  könnte, und bei einer Übereinstimmung mit der Gelegenheit zu einem Wiedersehen belohnt würde?

Das ist natürlich, wie gesagt, eine feige Idee, die zwar allen Beteiligten und Betroffenen die Peinlichkeit einseitigen Interesses erspart (über die ich schon das eine oder andere Wort verloren habe), aber eben auch derartigen Begegnungen ihr Potential nimmt, sich serendipitös zu entfalten. Ein überfüllter Bahnwagen hat leider eh schon nicht sehr viel davon. Mehr schon ein Schreibwarengeschäft, in dem ich einst unentschlossen auf die zu je 50 Stück verkäuflichen Briefumschläge starrte, derer ich nur einen brauchte, bis ich in nächster Nähe einen ansehnlichen Lockenkopf bemerkte, der es mir gleichtat: Als er schließlich nach einer Packung griff, schlug ich einen Handel um ein paar Pence vor, dessen Vollzug vergnüglich war – und leider auch nicht im Austausch von Namen und Telephonnummern endete. Case in point: Auch in diesem Falle wäre eine metaphysisch zugängliche Interessenskartei gut gekommen. Besser jedenfalls als die Kleinanzeigen, die mir alle Jubeljahre mal in irgendwelchen Zeitungen begegnen – heißen die nicht irgendwie? Bestimmt. Bestimmt sind sie auch nicht ganz so herzzerreißend sinnlos, wie sie mir immer scheinen, wenn ich sie mal lese. Ich werde dennoch darauf verzichten, im lokalen Tagesblatt nach einem Typ mit Kopfhörern, weißem Hemd und Reisetasche zu inserieren: Schon aufgrund des Gepäcks darf wohl von der Einmaligkeit des gegenseitigen Zugesichtbekommens ausgegangen werden. Außerdem bin ich ja selber auch bald weit weg.

Aber, und damit schließt sich der Kreis, im und aus dem fernen Osten werde ich sicherlich euch, geneigte Leser, mehr zu berichten haben als in den letzten Wochen. Also muss ich mich dann in Tottori vielleicht gar nicht mehr, oder jedenfalls nur noch nachträglich, gimpelnd mit Sand bewerfen und meinen Writer’s Block in den Wind plärren.

Das sind doch schöne Aussichten.

2 Kommentare leave one →
  1. Guinan permalink
    21. März 2012 5:11 pm

    Sehr schöne Aussichten. Ich freue mich auf deine Japanberichte.

Trackbacks

  1. Lebenszeichen | modernisma

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