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zaghafter Versuch einer Solidarisierung, ein wenig im Sande verlaufen

13. Januar 2012

»Leute welchen Schlages?« fragte ich.
»Künstler!« rief Smeik, und er sprach dieses Wort so aus, als hätte er »Ratten« gesagt.

(Die Stadt der Träumenden Bücher)

Vorhin habe ich einige faszinierende Menschen in einem Fernsehprogramm gesehen, das mich seinerseits fasziniert hat: Es lief nämlich unter der Genrebezeichnung Castingshow und versprach deswegen erfahrungsgemäß nicht die Art künstlerischer und musikalischer Qualität, die ich in seinem Verlauf zu meinem freudigen Erstaunen um die Ohren gehauen bekam.

Deren bemerkenswertes Ausmaß lag vielleicht an der Vorauswahl der Kandidaten durch einen Menschen, der seinerseits die Titel Musiker und, in der Tat, Künstler unbestreitbar deutlich überzeugender verkörpert als die Herrschaften, die sonst gelegentlich in den so genannten Juries derartiger Formate anzutreffen sind. (Ich könnte jetzt noch einen kontrastreichen Vergleich mit einem anderen sehr jungen Programm anstellen, das eigentlich auch so ähnlich gedacht zu sein scheint; da der aber wenig ersprießlich wäre, lasse ich ihn bleiben.) Jedenfalls war die überwiegende Mehrzahl der zehn Hoffnungsvollen, die heute Abend nacheinander über die Bühne huschten, sich in oft unverhofft charmant gestammelten Worten selbst vorstellten und dann einige melodische Töne äußerten, um sich mittelfristig zum Singen nach Azerbaijan verschiffen zu lassen, von einer Art, dass ich mir dachte, Das sind Musiker. So selten ich ansonsten in derlei Shows reinschaue: Den Gedanken hatte ich dabei noch selten bis nie.

Er ließ sich, als ich mit großen Augen einige Auftritte verfolgt hatte, allmählich generalisieren auf Künstler. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, diese Sorte Menschen zu einer ebensolchen zu erklären – vor allem, weil das für meine zweiflerische Wenigkeit die schwierige Frage nach sich zieht, ob ich denn eigentlich, oder eigentlich wirklich, oder eigentlich wirklich so richtig, dazugehöre.

Dazugehören ist ja für Künstler überhaupt so ein Thema, also zum normalen, richtigen Leben im Unterschied zu hohen inspirativen Sphären bzw. zur (Hypo-)Manie und Depression, ohne die erstere leider kaum erreichbar scheinen. (So was Ähnliches hatten wir schon mal. Ich wiederhole mich.) Erst vor kurzem habe ich in einer herumliegenden Ausgabe des Magazins Gehirn & Geist (die Herren und Damen Eltern, bei denen das herumlag, sind vom Fach) von wenig überraschenden wissenschaftlichen Belegen dafür gelesen, dass Künstler, insbesondere Dichter – ggf. im Unterschied zu Schriftstellern (auch das hatten wir schon mal) – tendenziell einen an der Waffel haben. Will sagen, kreatives Schaffen geht ab einer bestimmten Kragenweite einher mit einer Tendenz zu manisch-depressiven und anderweitigen Störungen im klinischen Sinne. Grenzen des Pathologischen und der Alltagstauglichkeit sind bisweilen ein Thema, oder eben gerade keines mehr.

Nun neigt ein Student der Psychologie bekanntlich dazu, der Reihe nach nahezu alles, was er zu diagnostizieren lernt, bei sich selber zu diagnostizieren, und einen ähnlichen Effekt konnte ich bei mir selber feststellen; aber ich hatte eben schon öfter das (sicherlich seinerseits aus einer vielleicht ihrerseits künstlerischen, vielleicht auch nur albernen Theatralik heraus überstilisierte) Gefühl, mich zwischen einem künstlerischen und einem, nun, einem normalen (sprich beruflich erfolgreichen, anständigen, zurechnungsfähigen, affektiv ausgeglichenen etc.) Leben entscheiden zu müssen. (Auch darauf komme ich nach einiger ausschweifenden literaturtheoretischen Faselei im ersten der beiden oben verlinkten Artikel zu sprechen. Da war mir wohl ähnlich wirr zumute wie jetzt. Was wieder dafür spricht, dass ich zumindest hier keine schriftstellerische Kunst betreibe, denn dann würde mir mein Perfektionismus verbieten, derlei inkohärentes Gewusel sozusagen in Druck zu geben.)

Und dann sehe ich im Fernsehen einen Menschen, den ich zwar nicht kenne, dessen Art zu sprechen, sich zu bewegen, den Blick ständig in irgendwelche defokussierten Weiten zu richten, mit befremdlichem Charme präsent und abwesend zugleich zu wirken usw. mich derart nachhaltig beeindruckt und zum Nachsinnen anregt, dass ich in aller Ernsthaftigkeit einen Artikel über ein Fernsehprogramm und die Kunst aufzusetzen eile. (Das Mädel, in dessen stichprobenartig beobachtete Verhaltensmuster ich jetzt – vielleicht unverhältnismäßig – die Charakteristik eines gewissen, siehe Zitat, Menschenschlages hineingeheimnisse, möge es mir nachsehen: In erster Linie ist sie nämlich einfach für sich und unrepräsentativ großartig.)

Damit, also mit fahrigem, entrücktem Auftreten, lässt sich zwar auch eine Zugehörigkeit ausdrücken, einer Szene vielleicht. Aber irgendwie ist man doch immer in einer anderen Welt unterwegs als in der welchem Begriff nach auch immer richtigen, wenn man ein Künstler ist (also einer von dem Schlage, den ich hier so vage im – zugegeben: grippal umnachteten – Sinn habe). Dann ist man entweder das, was man landläufig abgespaced nennt, oder man tut so, als wäre man es nicht, sondern einfach ein normaler Mensch (nebenbei: Normalität und insbesondere auch Echtheit sind merkwürdige, manchmal auch manipulative und diskriminierende Konzepte, die zu diskutieren mir aber grundsätzlich viel zu schwierig ist). Dabei kommt sich je nach Grad der gefühlten Abgespacedheit ggf. vor wie der Schauspieler, der man ggf. auch ist, denn Schauspieler sind ja Künstler, manche jedenfalls. Aber all the world’s a stage, wie man ja weiß, und überhaupt rede ich fiebrig, das bin ich nämlich (sehr zu meinem Chagrin) immer noch.

Gefiebert im übertragenen Sinne habe ich auch um die Ergebnisse des Votings der eingangs erwähnten Sendung, die in revolutionärer Weise live eingeblendet wurden. Ich würde ja sagen, es wäre ein Jammer gewesen, dass sie nur die obere Hälfte der zehn Kandidaten in die nächste Runde gelassen haben, weil die ersten Sechs so unsagbar dicht beieinander lagen, aber es wird wohl ein Nebeneffekt genau dieser Regel gewesen sein, dass die Fans der besagten Sechs besonders erbittert um den Einzug in die übernächste Folge telephoniert und getextet haben. (Wäre sechs die magische Grenze gewesen, hätte es vielleicht einen knappen Siebten gegeben.)

Meine Favoritinnen jedenfalls, für die ich, das gebe ich offen zu, gerne einen Euro für die Übersendung zweier Buchstaben an die 40400 zu zahlen bereit war, haben es geschafft, und die sind beide m. E. wirkliche Künstlerinnen. So was im deutschen (!) Fernsehen (!) zu entdecken, beglückt mich in meinem momentan geringfügig tristen (weil nach wie vor von Kleenex, grünen Tabletten und lauwarmem Tee bestimmten) Dasein ungemein.

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  1. Lebenszeichen | modernisma

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