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Mythenmetzsche Mentalgemälde

2. Januar 2012

Meiner gestrigen Ankündigung entsprechend wird im Folgenden nur geschildert. Hätte ich eine Kamera bei mir gehabt, wären es Bilder, die für sich sprechend die Stimmung der unaufdringlichen, vielleicht unspektakulären oder unbedeutenden Motive einzufangen versuchen würden, die mir am Morgen des ersten diesjährigen Tages begegneten; da ich keine hatte, sind es Worte.

Nach einer durchwachten Silvesternacht entschied ich mich gegen den vielleicht naheliegenden ohnmachtsähnlichen Vormittagsschlaf und anstellen dessen für einen morgendlichen Spaziergang durch die oberbayerische Provinz, wo zu logieren ich im Übrigen in dieser Nacht nicht bereute, seit sich mir zum Jahreswechsel von einer Anhöhe aus im zart nieselnden Schneeregen ein Panorama des wie orchestriert verstreuten Feuerwerks über der Stadt bot; dazu wurde unter einem bunten Regenschirm mit Piccolofläschchen angestoßen und im Anschluss daheim der obligatorische Genuss des glücklicherweise fernsehprogrammunabhängig verfügbaren Dinner for One nachgeholt. Die wesentlichen Aspekte eines wunderbaren Jahresabschlusses hätte das rauschende Fest in der Metropole, gegen dessen Besuch ich mich unter heftigen Gewissensbissen erst kurz vor knapp entschieden hatte, kaum so, geschweige denn in besserer Form beinhalten können.

Am Morgen jedenfalls, als es gerade hell geworden war, verließ ich das noch schlafende Elternhaus allein im Leopardenplüschmantel und mit Musik in den Ohren, nämlich 500 Miles von den Proclaimers, das mir die Shuffle-Funktion wie auf Geheiß zugelost hatte. In den letzten Stunden vor Tagesanbruch hatte es heftig geregnet, sodass der um Mitternacht noch schwer um die Häuser hängende Rauch beinahe weggewaschen schien. Im blassen Licht eines wolkigen hellgrauen Himmels machte ich mich also zu rhythmischen Gitarren und Trommeln auf durch die wenigen Häuserreihen, die mich von der nassen Landschaft trennten.

Morgendliche Szenerien haben ja nach schlaflosen Nächten immer eine merkwürdige, beinah surreal ästhetische Qualität. Ich für meinen Teil habe dann auch andere Augen für sie, als wenn ich dieselbigen gerade erst müde blinzelnd aufgetan habe und traumwandlerisch zur Arbeit pendle: Oft fühle ich mich sogar wacher, wenn ich die Schläfrigkeit der frühen Morgenstunden bereits überwunden habe und der Tag um mich erwacht, während ich mich selbst damit nicht erst aufhalten muss.

Eine meiner schönsten Erinnerungen aus jugendlichen Zeiten ist ein spontaner Ausflug ans Meer im Anschluss an die Abschiedsfeier eines mehrwöchigen Seminars in einer Schule in Rostock: Zwischen vier und halb fünf machten wir uns zu dritt auf nach Warnemünde, nahmen die erste Bahn des Tages, begaben uns in dem schläfrigen Hafenstädtchen auf einen Steg und beobachteten dort hinter angelegten Booten schräg am Horizont den theatralisch umwölkten Sonnenaufgang, dessen immer und immer mehr zunehmende, schließlich beinahe unfassbar gleißende Helligkeit unsre müden Augen und zertanzten Glieder in eine tranceartige Gebanntheit versetzte, an die ich noch heute fasziniert zurückdenke. Das Schauspiel muss seinen atemberaubenden Reiz für mehr als eine Stunde behalten haben; schließlich aber, als es unleugbar hell geworden war und die Häuserzeile hinter uns zu erwachen begann, erhoben wir uns von den kühlen Planken, auf denen wir in Windjacken gehüllt gekauert hatten, um ein Café aufzusuchen, beim kurzen Warten auf dessen Öffnungszeit Bekanntschaft mit Fremden zu schließen und unter freiem Himmel zu frühstücken.

Am Neujahrsmorgen trat ich zu den Klängen des Liedes Starve the Ego, Feed the Soul, das mich bei jedem Spaziergang eindrucksvoll an die Schönheit von Spaziergängen erinnert, indem es mir diejenige der Umgebung vor Augen führt, auf das schmale Sträßchen, das in einer langgezogenen Kurve durch Maisfelder aus dem Dorf führt. Ringsum die vom Dunst verblassten, gegen den bleichen Himmel sich erhebenden Silhouetten der dunklen Wälder aus hohen, kahlen Bäumen, die die Szenerie in einiger Entfernung umstehen; auf dem Asphalt der Regen der vergangenen Nacht, der in flachen Rinnsalen darüber hin floss und im kühlen Wind kleine Wellen warf. Aus der glatten Oberfläche des Schmelz- und Regenwassers, das die abgeernteten Maisfelder zu beiden Seiten halb überflutet hatte, ragten abgebrochene Pflanzenstiele auf, deren gelbe Färbung mich zum ersten Mal innehalten und mir das seltsam interessante Bild photographisch einprägen ließ.

Wie ja auch oft beteuert wird, Landstriche verschiedener Länder unterschieden sich durch Licht, Atmosphäre oder Farben: Dieses Stück Feld, so oft ich es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch schon erblickt hatte, schien an jenem Morgen wie verwandelt. Meine Schlaflosigkeit, die sich aber inzwischen durchaus nicht mehr als Müdigkeit bemerkbar machte, mag das Ihrige dazu beigetragen haben, dass ich immer wieder sekundenlang die feinen Wellen auf dem Wasser, das über die geteerte Straße rann, oder das Glitzern der Grashalme am Feldesrand betrachtete.

Ich verfügte mich durch einige weitere Häuser an der dorfältesten Straße und überquerte eine kleine Brücke, um den Ort in einem großen Bogen zu umrunden. An die Konturen hügeliger, von tauenden Schneeresten bedeckter Wiesen schmiegte sich der rauchige Morgennebel. Durch ein Waldstück führte eine gerade, steil ansteigende Straße zu einem unverhofft strahlenden Fleck des tristen Wolkenhimmels.

Erst jetzt erinnere ich mich an einen Spaziergang durch die University Parks in Oxford, auf dem mir mindestens ebenso surreal anmutende Landschaften begegnet waren, die vielleicht auch eigentlich vertraut hätten wirken können, wenn das Licht oder meine Stimmung eine andere gewesen wäre: Ein schmaler Weg führt dort zwischen sumpfigen Wiesen und dichtem Unterholz entlang, das sich zu einer Seite jäh öffnet und den Blick auf einen Weiher freigibt, durch den zahlreiche aus dem Wasser ragende Pfähle mir unbegreiflichen Ursprungs in strenger Formation zu einer gewaltigen bleichen Baumruine hinführen. Ich würde die Lage dieser seltsam apokalyptischen Szenerie in Bezug auf die wohl unweite Rainbow Bridge beschreiben, wenn ich mir ihrer sicher wäre und vor allem: wenn es mir nicht immer noch so vorkäme, als betrete man in diesem Stadtpark an dieser Stelle auf einmal eine andere Welt.

Diejenige um das heimische Dorf verließ ich gerade wieder: Zwischen den Häusern wurden die merkwürdig fremden Landschaftsbilder abgelöst von bekannten, fast niedlichen Details wie den Spatzen auf blattlosen Forsythienzweigen und nassen roten Buchenhecken; ein Baum mit winzigen rosafarbenen Blüten schien mir anachronistisch, gehörte aber schon wieder einem Garten an. Auf den schmalen Landstraßen waren mir nur vereinzelte Autos begegnet, deren Räder leise auf den nassen Straßen rauschten und die gespenstische Ruhe der Szenerie in ihrer Anonymität nicht unterbrachen. Beim Anblick der ersten Radfahrerin im Ortsinneren erschrak ich förmlich; auf meinem Rückweg durch die Dorfmitte schließlich vernahm ich zunehmend häufiger die verhallenden Echos weniger verspäteter Silvesterkracher, wohl von zwei vielleicht zwölfjährigen Halbstarken gezündet, die ich später vor der Raiffeisenbank antraf. Allmählich lief ich weiteren Fußgängern über den Weg, nicht aber dicht genug, um sie den örtlichen Gepflogenheiten gemäß zu grüßen, was mich immerhin noch in meiner musikalischen Versenkung ausharren ließ. Nach Hause kehrte ich schließlich wenige Minuten nach dem Kirchengeläut, das den Anbruch eines provinziellen Sonntages und in gewissem Sinne auch das Ende der landschaftlichen Geisterstunde verlautbarte, zurück.

4 Kommentare leave one →
  1. Guinan permalink
    3. Januar 2012 4:38 pm

    Danke fürs Mitnehmen.

  2. Augenfarbe permalink
    9. Januar 2012 5:16 pm

    „Am Neujahrsmorgen trat ich zu den Klängen des Liedes […]“ mit s anstatt r.
    (Ich kann ja nicht zulassen, dass solch ein Text durch einen simplen Tippfehler verdorben wird.)

    • 9. Januar 2012 7:41 pm

      Herzlichen Dank, ist ausgebessert (und somit auch der verräterische Hinweis auf eine nachträgliche Korrektur und Detaillierung dieses, so wagt die Autorin zu hoffen, möglichst wie auf einmal gegossen anmutenden Textes beseitigt)!

Trackbacks

  1. Lebenszeichen | modernisma

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