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vom Erleben und Überleben

31. Dezember 2011

Es kommt gar nicht so oft vor, dass sich zwei meiner fragmentarischen Ergüsse chronologisch und inhaltlich lückenlos aneinanderfügen – auch wenn es sicherlich nicht schaden würde, beim Verfassen derselben öfter mal gegenwärtig zu haben, was genau ich eigentlich wie und wo schon mal geschrieben habe. Die schöne Grundfunktion des Erinnerungsvermögens, Bekanntes und Unbekanntes in Töpfchen und Kröpfchen zu sortieren, taugt ja wenig, wenn man Gedanken und Argumentationsführungen eh schon geraume Zeit mit sich herum trägt bzw. tatsächlich einmal irgendwo zu Papier gebracht (aber eben einer anderen Leserschaft gegenüber: in den Prüfungen, derer ich mich letztens sogar zweifach entsann, z.B.) oder einfach an diskussionswilligen Freunden und Bekannten ausgelassen hat.

In letzterer Form sind mir zweimal in Folge bei dem schönen alljährlich vorweihnachtlichen Wiedersehen mit verschiedenen einstigen Schulkameraden bei Wein und Tapas jeweils hochinteressante Überlegungen begegnet (anzumerken ist, dass die beiden Begegnungen sich auf drei Jahre verteilen, weil ich schändlicherweise das dazwischen versäumt habe), genauer im Gespräch mit ein und demselben nie diskussionsmüden Mitstreiter im volksmündlichen harten Kern des Altgriechischleistungskurses (zu dem ich mich selbstredend seit dem bewussten schändlichen Versäumnis selber nicht mehr zählen darf) nebst wechselnden Mitrednern, im Zwiegespräch mit einem derer dann auch der Punkt entwickelt wurde, auf den ich im Laufe dieser Zeilen irgendwann hinaus will.

Einmal ging es um die in nicht geringem Maße faszinierende und in der Tat verwirrende Frage, wie Natur, Kunst im Sinne des Künstlichen und Kultur voneinander abzugrenzen seien. Die habe ich hier (dafür reicht das besagte Basisgedächtnis dann doch noch) schon irgendwann einmal flüchtig erwähnt und tu es jetzt gerade wieder, ohne gescheit darauf einzugehen. Vielleicht hole ich das in Zukunft nach; vielleicht muss ich es auch in Ermangelung reichlich schlauen Senfes, den ich dazu geben könnte, bei der Feststellung belassen, dass diese Abgrenzung weder selbstverständlich noch offensichtlich und noch leicht zu treffen scheint, wenn man nicht dem Menschen seinen Status als ein natürliches Wesen absprechen möchte.

Das letzte Mal jedenfalls ging es um menschliche Grundmotivationen, und eben dieses Thema knüpft – zugegeben im Anschluss an einen anekdotischen Schnörkel von Umweg (im übernächsten Absatz werde ich zur Sache kommen, versprochen) – an dasjenige meines letzten hiesigen Beitrages an. Ausgangspunkt war die Empörung des bewussten hartkernigen Mitstreiters, die Jugend interessiere sich nicht für Interessantes und Wissenswertes in einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin; was sich zunächst als Zwiegespräch unter Fachkundigen und sozusagen entsprechend Vorbelasteten gestaltete, welche Teilfelder denn nun genau mehr entsprechende Zuwendung verdienen, weitete sich dann aus zur anregenden Tischdiskussion. In der die Frage, warum man sich denn überhaupt für dies oder jenes interessieren solle, werden nun, soweit ich das rekonstruieren kann, in irgendeiner Form die beiden Aspekte verfolgt worden sein, was das jeweilige diese und jene das gesteigerte Interesse der Allgemeinheit verdienen lasse, und was die Allgemeinheit motivieren könne, solle oder würde, ihm nachzugehen.

Interesse dabei mit Motivation in Verbindung zu bringen, war wohl meine Schnapsidee, der aber nicht hörbar widersprochen wurde; im Anschluss wurden zumindest an einer Tischhälfte eifrig menschliche Motivationen hinterfragt und zurückverfolgt. Warum soll man sich dafür interessieren? wurde mit Weil es Spaß macht beantwortet, was sich seinerseits in Richtung Genuss und Annehmlichkeit usf. aufdröseln ließ und uns andererseits nach der (gefühlten) Bereicherung durch die Wissenschaft fragen ließ. (Im Folgenden werde ich eigene, fremde und synergetische Beiträge nur noch gelegentlich zu differenzieren versuchen, denn das ist ja auch nicht der Sinn an Gesprächen.) Es gab dann eine Rückbesinnung auf Ursprung und Zweck der Wissenschaft oder des Wissenserwerbs im Allgemeinen: sich in der Welt zurechtzufinden.

Ich als brave Existentialistin werde bei dieser durchaus konsensfähigen Herleitung dezent die Bedeutung der eigenen Handlungsfähigkeit in den Vordergrund gestellt haben, von anderer Seite war nun eine gründliche biologistische Reduktion auf das evolutionäre Prinzip des Überlebens angesagt, das eigentlich alle Motivationen und also auch alles wissenschaftliche Interesse letztlich begründe. Auch die zuvor angesprochenen hedonistischen Motivationen fanden hier wieder ihren Platz: Spaß mache schließlich auch, was das Überleben fördere. (Das Beispiel Sex blieb nicht aus.) An dieser Stelle begann die Tischgesellschaft insgesamt von diesem Gesprächsfaden allmählich abzusehen.

Ich für meinen Teil widmete mich dem leisen ernüchterten Protest meines linken Tischnachbarn gegen derartige Herunterbrechungen, den ich trotz meiner zuvor geäußerten Zustimmung zu der eben durchaus simplifizierten Behauptung, es gehe also eigentlich um das Überleben, nachvollziehbar und richtig fand. Meine philosophische Weltanschauung verböte mir auch, diesen evolutionären Biologismus für der Weisheit letzten Schluss zu halten. (Verzeihung.) Denn: Natürlich lässt sich aus evolutionsbiologischer Sicht alles auf das Prinzip des Überlebens zurückführen. Aber ganz abgesehen davon, dass mir dieses Prinzip in seiner Ausprägung immer noch nicht ganz begreiflich ist, setzt hier wieder mein Widerwille ein, bei solchen Fragen in wissenschaftsgläubigem Eifer eine objektive Wahrheit zu verfolgen, die weniger Bereicherung und lebensgestalterische Relevanz für den Fragenden bereithält als eine intuitive Auseinandersetzung mit Motivationen als erlebbarem Phänomen. (Ja, genau, auf meine Lieblingsphilosophie will ich hinaus.)

Dem Leben in eben diesem schwer begreiflichen Sinne, in dem es sich natürlicherweise selbst erhält, haftet nämlich eine emotionale Qualität an, die ich für ein ganzheitliches Verständnis menschlichen Handelns viel wichtiger finde als die Analyse evolutionärer Mechanismen und Treibkräfte (an die sich dann auch noch oft Personifikationen, naturalistische Fehlschlüsse, Teleologien und was nicht alles anschließen, wenn auch nur in der Populärwissenschaft). In den Beispielen für den eingangs genannten Spaß, die wir am Tisch fanden, ließ sich derselbe umstandslos als Spaß am Leben und vor allem am Erleben verstehen: am Erleben des Lebens nämlich, das sich im Entdecken der Welt, in der Erfahrung der eigenen Gesundheit und Fitness sowie angenehmer Empfindungen und letztlich auch in der Bejahung der eigenen Existenz im Sinne eines schlichten Überlebens äußert. (Das Beispiel des Skifahrens, das bald und mehrfach aufkam – vielleicht ist’s der Region geschuldet – beinhaltet alle drei Aspekte, wenn auch in unterschiedlicher und sicherlich individuell variabler Gewichtung.)

In einem thematisch völlig unverwandten Gespräch fiel mir, das muss ich an dieser Stelle einwerfen, unlängst auf, dass diese emotionale Qualität das Phänomen Lebensmüdigkeit nur um einige Ecken zu erklären vermag: Dann nämlich, wenn das Leben sich primär als Erfahrung von Leid gestaltet, das dem positiven Erleben der eigenen Existenz so völlig entgegensteht, dass ihre Beendigung die einzig erträgliche Handlungsalternative darstellt. (Dergestalt pessimistisch ist ja in Teilen der Buddhismus, und übrigens auch Schopenhauer, der aber den Willen zum Leben immerhin als Phänomen anerkennt, auch wenn er ihn aus ähnlich pathologisierbaren Gründen für überwindungsbedürftig hält.) Das kann man wohl leider mit dem Prinzip des Überlebens auch nicht besser erklären – außer man deutet Selbstmord als Bauernopfer zum Wohle der fittest, was zweifelhaft, aber auch die einzige Idee einer evolutionsbiologischen Einbettung solchen (vermutlich beinahe nur menschlichen) Verhaltens ist, die ich in meiner fachlichen Unkundigkeit aufbringen kann. Ich überlasse das mal denen, die sich da auskennen.

In der bewussten Unterhaltung jedenfalls, und zwar entweder vor oder nach dem Genuss einer sehr alkoholhaltigen Unsäglichkeit mit Namen Egg Nogg (gut und übel zugleich – wer das auf meine auseinandersezierten philosophischen Wertungskategorien gestern beziehen will, tut sich bitte keinen Zwang an), ging ich dazu über, die emotionale Qualität des Erlebens und ihre Bedeutung in ähnlichen Worten zu propagieren wie zu Ende meines letzten Artikels. Ich bin tatsächlich überzeugt, dass sich in solchen Kategorien menschliches Verhalten nicht nur schlüssig und aufschlussreich erklären und nachvollziehen lässt: Es ist auch einfach gut und, so schwadronesk solchen Formulierungen auch anmuten mögen, einer allseits bereichernden Weltanschauung und Lebensgestaltung zuträglich, wenn man es so und nicht reduktionistisch versteht. Menschliches Erleben der phänomenalen Realität bildet nämlich die Grundlage für das Verständnis dieser Realität und letztlich auch des menschlichen Lebens und Erlebens selbst. Klingt komisch, ist aber so.

2 Kommentare leave one →
  1. 31. Dezember 2011 9:06 am

    Oder einfacher ausgedrückt:
    Wenn Konrad Lorenz in ‚Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie (1941)‘ in einem hypothetischen Realismus davon ausgeht, dass Kants apriori klassifizierte Formen der Anschauung, gar das Apriori selbst, „als Organ, genauer als Funktion eines Organes“, somit als „stammesgeschichtliches Aposteriori“ bestimmt sind bzw. ist, verkennt er und seine Epigonen (Wuketits, Riedl, Vollmer etc.) mit ihm, dass bereits bei der Aufstellung dieser These, der semantische und intentionale Inhalt der Kognition (Bieri) MITGEDACHT werden muss. So ist das cartesianische Problem nicht lösbar. Auch stellt sich die Frage, ob Wittgenstein (TLP) Recht hatte, als er darauf hinwies, dass die Darwinsche Theorie mit der Philosophie nicht mehr zu schaffen habe, als irgendeine andere Hypothese der Naturwissenschaft.

    Was meinst du?

    • 31. Dezember 2011 2:06 pm

      Ist das einfacher?

      Mit dem Konzept des a priori hat das aus meiner Sicht eigentlich wenig zu tun; eher würde ich Merleau-Ponty und sein Primat der Wahrnehmung (das hat aber auch einen unglücklichen Namen auf deutsch!) anführen, das der Wissenschaft als sekundären und abstrahierten Erkenntnisgewinnung den Status abspenstig macht, den ihr sog. scientism angedeihen lässt.
      Mit dem Verhältnis der Philosophie und der empirischen Wissenschaft ist das eh so eine Sache: In der Neurologie z.B. werden ja reichlich philosophische Konzepte relativ sorglos verwendet, was interessanterweise dazu führt, dass manche dann philosophische Behauptungen (zum Thema Bewusstsein, freier Wille etc.) neurologisch begründen wollen. Da aber, wie ich meine, alle Arten der Wissenschaft die Welt zu verstehen und zu erklären versuchen: Natürlich haben sie etwas miteinander zu schaffen, gerade wenn auch die Philosophie sich mit Phänomenen befasst. Natürlich geht auch die Elfenbeinturmmethode, aber die halte ich nicht für sinnvoller.

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