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vom Leben nach und vor dem Tode

30. Dezember 2011

Die gute Lüge verletzt keinen. Sie ist eine Art zweiter Kopf, der einem wächst. Deswegen ist sie noch glaubhaft. Es ist eigentlich der gleiche Kopf, aber der andere hat gerade Pause. (Bastian Pastewka)

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich Atheistin bin. Das war mir zwar schon länger klar, aber zwei Aspekte hatte ich so noch nicht expliziert: erstens, dass ich nicht nur nicht glaube, dass es einen Gott gibt, sondern dass ich glaube, dass es keinen gibt. Zweitens, dass ich mich demzufolge auch vom Agnostizismus abgrenze. Den hielt ich heranwachsend für die einzig sinnvolle religiöse Einstellung, jetzt nicht einmal mehr für sinnvoll.

Er, also der Agnostizismus, erfuhr übrigens unlängst eine Persiflage in South Park, die ich ähnlich flach und zugleich geistreich fand wie die Aussage, ein Agnostiker sei nur ein Atheist, der sich vor Gottes Zorn fürchten würde, wenn er unrecht hätte. Zwischendurch redete auch Muriel bei überschaubare Relevanz darüber, und mir ging ein kleines, wenn auch noch durchaus diffuses Licht auf: Die meisten oder vielmehr lautesten Agnostiker vermengen verschiedene Begriffe und Konzepte mit Namen Wissen, statt sie, wie man meinen möchte, epistemologisch zu hinterfragen und zu differenzieren, wenn sie behaupten, nicht zu wissen, ob es (einen) Gott gibt. (Die Tatsache, dass der unbestimmte Artikel gerne weggelassen wird, unterstreicht diese Unreflektiertheit noch.) Wenn’s hochkommt, scheint mir noch ein schlichtes objektivistisches bis empirisches Erkenntnismodell verbreitet, oder aber eine Verortung des Wissens im Diesseits und des Glaubens im Jenseits in Verbindung mit der Feststellung, dass man ja an und für sich nicht wissen können kann, ob es Gott gibt, da solche Erkenntnis nicht innerhalb der menschlichen Erlebenswelt zugänglich wäre.

Das ist gut und schön, und sicher ein philosophisch oder auch anderweitig begründ- und vertretbarer Standpunkt; ich für meinen Teil lehne den so genannten Agnostizismus allerdings aus ähnlichen Gründen entschieden ab wie den kartesischen und den sokratischen Skeptizismus. Ich weiß, dass ich nicht weiß, ist m. E. eine ähnlich unhilfreiche Aussage wie der Glaube an ein Jenseits, über das man dann wieder eh nichts wissen kann. (Überhaupt ist Agnostizismus, fürchte ich, sehr wenig hilfreich, aber das ist ja für die meisten Beteiligten solcher Debatten kein ernst zu nehmendes Kriterium. Darauf komme ich noch.) Sinnvoller, weil hintersinniger ist vielleicht das griechische Original mit seiner schlauen Partizipkonstruktion, aber auch das hat Sokrates ja wieder als Unterscheidung von eigentlicher jenseitiger Wahrheit und trügerischer diesseitiger Wirklichkeit gemeint. (Δόξα und so.)

Aber zur Sache: Ich mag ja Nietzsche, und ich finde gar nicht verkehrt, was er dem christlichen Abendland so für Werte und Vorurteile attestiert. Wenn mir eine grobe Vereinfachung dessen, was bei ihm ja seinerseits eine darstellt, erlaubt ist: Der Wille zur Wahrheit, also in gewissem Sinne die moralische Grundmotivation aller Wissenschaft, hängt mit der Einstellung zusammen, von der wirklichen Welt ein auf wundersame Weise noch wirklicheres Jenseits abzugrenzen, Schein- und Unwahrheit dem Diesseits zuzuordnen und übrigens auch Wahrhaftigkeit und den Dienst an der Erkenntnis zur Tugend zu erheben, was dann hinterkünftigerweise über die Praxis der Beichte wieder auf die christliche Sklavenmoral rekurriert. (Wenn die an der Universität unsere Prüfungsskripte nicht einbehalten hätten, könnte ich das jetzt womöglich noch etwas brauchbarer skizzieren, indem ich von mir selbst abschriebe: Kann ich leider nicht. Drum eine ungefähre, ungenaue, ungeniert von nicht nur lückenlos argumentierbaren persönlichen Meinungen gefärbte Darstellung.) Daher rührt auch die Seelenverwandtschaft von Platon, Christentum und Kant mit Ideenwelt und Gott respektive Universalmoral, und daher rührt auch meine Distanzierung von allen dreien.

Ich bin mit dem Konzept eines Jenseits nie wirklich warm geworden, und habe aus Nietzsches zugegeben polemischer Abhandlung über Sklavenmoral und dgl. schöne Begründungen herauslesen und ableiten können, warum ich es nicht nur persönlich, sondern auch – ach! objektiv will ich nicht sagen, weil es objektiv nicht gibt, aber so ähnlich – für wirklich verkehrt halte. Das bedarf allerdings einer Ausführung darüber, welche Bewertungen im philosophischen Diskurs überhaupt welche Rolle und Gültigkeit einnehmen (dürfen, sollen, können):

Da gibt es einmal wahr und falsch, Kategorien, an denen die allermeisten Logiker und Wissenschaftler verständlicherweise einen Narren gefressen haben, und auf die erstere auch gerne den Gehalt der Sprache reduzieren. (In der nichtklassischen Logik, soweit sie mir bekannt ist, leider auch, selbst wenn da Graustufen und Kommastellen eingeführt werden.)

Dann gibt es gut und böse, oder richtig und falsch im moralischen Sinne, die sich auf den ersten Blick hinsichtlich ihrer Referenz unterscheiden (böse Menschen, falsches Handeln, aber auch gute Taten) und deren Erfindung Nietzsche der Sklavenmoral zuschreibt, die in diesem Sinne in seiner mythischen Genealogie derselben auch die erste Moral überhaupt war (die archaischen Herrenmenschen hatten keine, sondern das Folgende).

Gut und schlecht in einem urtümlicheren Sinne bezeichnen nur Nützliches (mit hedonistischen und egoistischen Untertönen und der sachten Implikation, dass hier einem übergeordneten, wenn auch begrifflich nicht mehr näher aufzudröselnden höheren Nutzen gedient wird). Das kann man z.B. noch nach Kants Begriff des Angenehmen (der, und auch hier würde ich allzu gerne meine eigenen fiebrig in den Exam Schools zusammengereimten Überlegungen heranziehen, im Übrigen nicht gescheit vom Schönen abzugrenzen ist) oder strikt Egoistischem oder irgendwas Biologistischem und/ oder evolutionär Reduktionistischem etc. differenzieren. Mit einer spruchreifen Definition tu ich mir hier schwer, vor allem aufgrund des impliziten Verweises auf eine höherstehende Wertungskategorie.

Dann eben die ästhetischen Maßstäbe von schön und unschön, denen ich gerne und oft eine ausnehmend hohe Bedeutung zumesse.

Und schließlich wäre da noch, aber hier begebe ich mich in begrifflich unsicheres und vielleicht auch kontroverses Terrain, eine Art der Bewertung zu nennen, die übergeordnet diejenige Qualität beschreibt, die den Interessen und Werten der Menschheit in einem beliebig verallgemeinerten Sinne zuträglich ist (bzw. entgegensteht), in der also an die Stelle aller obigen Differenzierungen die Eingrenzung auf das für die Menschen Gute tritt. Welche Qualität das ist, zeigt die gründliche Verfolgung der Frage, was die einzelnen Bewertungskategorien gemein haben, und die will ich auch irgendwann einmal schriftlich anstellen. Jetzt nur so viel: Ich befleißige mich, wenn ich von einer weder strikt moralischen noch strikt hedonistischen noch strikt utilitaristischen (ja, ich weiß, dass das verschiedene Ebenen sind) noch sonst wie eingeschränkten Bewertung Gebrauch machen will, gerne solcher Begriffe wie eben hilfreich. Die erkläre ich, wenn es verlangt wird, in zugegeben altgriechisch, um nicht zu sagen: platonisch (oder lieber: aristotelisch) klingenden Worten eben als das, was gut für die Menschen ist. Fragt nicht, welche Menschen, denn dann muss ich mit einer ähnlich vagen Auffassung von Intersubjektivität daherkommen, die das typische objektivistische wissenschaftsgläubige Kind dieser Zeit (und der Aufklärung, und der Renaissance, und überhaupt) ganz und gar nicht verknusern kann.

Relevant für das Thema, um das es hier eigentlich gehen sollte und vielleicht auch hintergründig noch geht, ist jedenfalls die Feststellung, dass es für die Menschen im Einzelnen und im Umgang miteinander grundsätzlich hilfreicher ist, wenn sie ihr Leben, Erleben und Zusammenleben bejahen, fördern und vor allem – und genau darum halte ich nur Atheismus und übrigens auch Phänomenologie für humanistisch i. e. S. – über alles stellen.

Deshalb finde ich den Glauben an ein Jenseits oder sogar an eine spezielle Ausprägung, Bevölkerung oder moralische Werthaltigkeit desselben verkehrt. Deshalb finde ich auch verkehrt, das Konzept implizit in die eigene Weltanschauung zu integrieren, ohne Aussagen darüber zu wagen und ohne dieselbe Möglichkeit der Erkenntnis dafür zu beanspruchen wie für die Wirklichkeit. Noch verkehrter finde ich die besagte philosophisch-religiöse Überstilisierung einer jenseitigen Welt zur eigentlichen durch Platon et al., Objektivismus und die bestürzende Häufigkeit, mit der im allgemeinen Sprachgebrauch Objektivität verlangt und kontextunabhängig jederzeit implizit für erstrebenswert erklärt wird. Ziemlich skeptisch bin ich auch beim Willen zur Wahrheit, spätestens wenn er eine moralische oder diensteifrige Dimension annimmt und wenn die fragliche so genannte Wahrheit vom Schlage der kantischen Noumena oder sonst wie jenseitig, unwirklich und unphänomenologisch wird.

Da ich aber nicht bestreiten kann, dass ein gewisser Wahrheitsbegriff und -anspruch aus jeder Überlegung und Aussage nicht wegzudenken ist, bin ich ihm irgendwie verpflichtet; die Aussage, wahr sei nur, dass es keine einzig wahre Wahrheit gebe, will ja auch wieder wahr sein, in welchem begrifflich-konzeptuellen System auch immer. Ich würde jedenfalls behaupten, dass sie es ist, und verzichte mal darauf, Sokrates erneut verfälschend zu zitieren. Ehe ich mich nun in denselben Widersprüchen verstricke, die ich zuvor den Agnostikern angekreidet habe, belasse ich es bei dem Bekenntnis: Ich glaube an das wirkliche, diesseitige, menschliche Leben, Erleben und Zusammenleben.

Was auch sonst?

3 Kommentare leave one →
  1. 30. Dezember 2011 8:12 pm

    Ich kann zwar mit deiner formalphilosophischen Bildung nicht mithalten und würde dir in einigen Detailfragen (vielleicht nur deshalb) unter Umständen widersprechen, aber im Großen und Ganzen bin ich da mal wieder dabei.

  2. 31. Dezember 2011 4:16 pm

    Na gut, dann mache ich jetzt mal den verwirrenden Anfang, hier eine Antwort auf einen Kommentar woanders zu schreiben:

    Unterscheiden die philosophisch Ambitionierteren dieser Fraktion eigentlich üblicherweise die Begriffe „transzendent“ und „transzendental“?

    Also, soweit ich mich erinnere, hat mir gegenüber noch keiner von denen den Begriff „transzendental“ benutzt.

    Leider kann es meines Wissens, wenn auch meineitwegen nur nach phänomenologischer Definition, gar keine „transzendenten Mächte“ geben, obwohl immer alle davon reden, wie auch Metzler, anscheinend.

    Der Begriff „übernatürlich“ ergibt ja letzten Endes ähnlich wenig Sinn, was niemanden davon abhält, ihn zu verwenden.

    Aber gerade das ist ja das Schöne, wenn man sich einen Gott ausgedacht hat: Weil der ja definitionsgemäß menschliches Verständnis, Logik und Naturgesetze überschreitet, kann man völlig enthemmt alles behaupten und muss bei Widerspruch einfach nur darauf verweisen, dass das bei einem Gott nun einmal so ist.

Trackbacks

  1. vom Erleben und Überleben « modernisma

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