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to wonder

28. Dezember 2011

Ein Artefakt, das mich nie eingehend zu faszinieren versäumt, ist das Voynich-Manuskript. Gestern stieß ich bei Wikipedia zum wiederholten Male darauf – die Sprünge von Artikel zu Artikel, die dem vorausgingen, waren nicht einmal sehr zahlreich: Von H. P. Lovecrafts Nekronomikon, das im Vorfeld recherchiert zu haben ich mich entsinne, kommt man rasch zu anderen mysteriösen Schriften – und las geraume Zeit nicht nur darüber, sondern auch über ähnlich unentzifferbare oder anderweitig rätselhafte Werke der Kunst, Wissenschaft, Alchimie, des Okkultismus oder welcher Disziplin auch immer dieses mysteriöse Machwerk überhaupt zuzuordnen ist. Mit Begeisterung erfuhr ich von der Existenz des Codex Seraphinius, den ich mir irgendwann einmal leisten will: ein Buch, dessen Zweck einzig und allein darin zu bestehen scheint, den Leser zu verwirren und zu faszinieren, ihm die Unergründlichkeit einer rätselhaften Bedeutungswelt zu suggerieren, bei etwas großzügigerer Auslegung gerne auch die rationalistische und objektivistische Wahrheitsgläubigkeit ad absurdum zu führen.

Ja: Natürlich komme ich bei der Begegnung mit solchen Konzepten nicht aus meiner Philosophenhaut und kann also nicht umhin, ebensolche Deutungen zusammenzuphantasieren und mich außerdem gründlich zu wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kryptographen in der Voynich-Literatur davon ausgehen, dass ein nachvollzieh-, ja übersetzbarer Sinn in dieser Schrift steht und sich ihnen einfach nicht erschließt, statt dass der Hintergrund der rätselhaften Zeichen und Zeichnungen sich in diesen Kategorien nicht ergründen und erklären lässt; ein paar wenige scheinen auf die Idee gekommen zu sein, dass der Verfasser geisteskrank und/ oder nicht unter den klassischen Universalkoryphäen der entsprechenden Zeit, sondern ein phantasiereicher Sonderling gewesen sein könnte. Es mag historisch ahnungslose Naivität sein, die mich eine solche Prämisse für sehr plausibel halten lässt; ich erstaune ja auch immer wieder über vermeintliche Erkenntnisse mittelalterlicher Mediziner, Astrologen, Erdgeschichtler etc., deren mir nicht wenige ebenfalls wie abstruse Phantastereien anmuten.

Hier mischt sich zum Philosophen der Dichter in meiner Denke, und der Impuls, mich in Kryptographie, Geschichte, Medizin, Astronomie, Graphologie und was nicht alles einzuarbeiten, um einen beträchtlichen Abschnitt meines Lebens dem ordentlichen Studium solcher Mysterien zu widmen, wird mit Macht überbrandet von der regelrecht kindlichen Faszination, mit der mich das Wissen um (nicht über) sie erfüllt. Die durch wissenschaftlichen Eifer zu ersetzen, widerstrebt mir: Zu inspirierend finde ich die rätsel- und märchenhafte Qualität unlesbarer mittelalterlicher Texte, phantastischer Konstruktionen und Abbildungen, kosmologischer Mythen u. dgl. m.

Im Anschluss an die nächtliche Lektüre einiger Artikel zum bewussten Thema empfand ich merkwürdigerweise dieses eben auch kindliche Gruseln, das mich verschreckt nach allen dunklen Ecken spähen ließ – so etwas kennt man ja von guten Horrorfilmen, oder übrigens vom unlängst mehrfach erwähnten Walter Moers, dessen geniale Passage in Rumo und die Wunder im Dunkeln, die in hypnotischer Verschachtelung die Lektüre des Nebelheimer Tagebuchs einer Nebenfigur durch eine andere, deren Geschichte ihrerseits als vermeintliche schnörkelige Abschweifung der Haupthandlung in den Romanverlauf eingefügt ist, beschreibt (Nested Loops machen wirklich Spaß), mich bei einem Urlaub in den Tropen mit dem gleichen unbestimmten Grauen zu erfüllen vermochte. In solchem Empfindungen tut sich, so meine ich, eine seltsame Welt der Märchen, Mythen und Mysterien auf, die als Kind ein jeder gekannt haben dürfte; ja sogar der Wirklichkeit, also der so genannten, ist man ja in vielerlei Hinsicht mit denselben Faszination begegnet. Ihre Unergründlichkeit war damals subjektiv überhöht, weil ja der Erkenntnishorizont so eines kleinen bspw. noch christkindgläubigen Persönchens nichts anderes gestattet, aber das damit verbundene Gefühl prägt sich tief ein, und wer das Glück hat und imstande ist, es später wieder in sich wachrufen zu können oder nie zu verlieren, der wird dann eben Wissenschaftler oder Künstler oder Dichter oder Philosoph oder wahnsinnig.

Dass ich für meinen Teil mich mit Einschränkungen je nach Tagesform als Exemplar aller Genannten begreife und das mit einer derart grundlegenden Erfahrung der Welt in Verbindung bringe, hat vielleicht auch mit meinen philosophischen und religiösen Überzeugungen zu tun, und vice versa. Letztere so zu nennen, ist irreführend, ich habe nämlich keine. Will sagen: Ich glaube an keinerlei übersinnliche Kräfte; wohl aber glaube ich, dass die Sinnlichkeit und Phänomenalität der Welt sich der objektiven Erschließung entzieht. Deswegen geht mir auch nichts ab, wenn ich Gott, Engeln, Wundern, einem Leben nach dem Tod und allerhand mystischen, esoterischen oder sonst welchen jenseitigen Konzepten Existenz und Gültigkeit abspreche. Ich glaube an kein Jenseits, sondern an das Diesseits, tatsächlich auch an die Menschheit in irgendeinem Sinne, und halte das für eine moralisch deutlich sinnvollere Einstellung als, sagen wir, das Christentum mit seiner in eine zweifelhafte Jenseitsgläubigkeit eingebettete Nächstenliebedoktrin. Ich würde sogar so weit gehen zu erklären, ich glaubte nicht an Wunder, sondern daran, das die Wirklichkeit selber eines sei, aber das klänge mir dann wieder zu mystisch, also lasse ich es sein. Wohl aber kann man sich über die Welt wundern, und versuchen sie zu ergründen (mein Griechischlehrer, den ich in vielerlei Hinsicht sehr schätze, begründete uns die Entstehung der Naturphilosophie in der altgriechischen Peripherie einmal mit dem Phänomen des Staunens). Dabei kann man sich, ggf. implizit, dem Objektivismus verschreiben oder aber sich auch über den noch wundern, und dann kommt man rasch in den etwas absonderlichen Sphären der Kunst und der Philosophie an, die in diesen Zeilen anklingen.

Ehe ich diesen Artikel begann, habe ich mich gefragt, ob die hiesige Thematik einer eigenen Kategorie bedarf. Da es aber um die Ergründung der Welt geht und die Philosophie für meine Begriffe im Grunde ihres Herzens nichts anderes ist, die Empfindung der Rätselhaftigkeit des Daseins aber ebenso eine ästhetische wie diejenige der Vergänglichkeit, beschloss ich mich mit den bereits angelegten zu arrangieren. Ähnlich werde ich es halten, wenn ich mich irgendwann einmal – das habe ich nämlich vor – ausführlicher schriftlich mit dem Thema Spiritualität auseinander setze.

Interessant übrigens, dass mir drei Absätze zuvor ausgerechnet dieses Beispiel für kindliche Phantasie und Leichtgläubigkeit eingefallen ist: Habe ich doch erst vorhin meiner Familie erklärt, dass ich mich nicht erinnere, jemals ans Christkind geglaubt zu haben. Wohl erinnere ich mich, geglaubt zu haben, dass meine Urgroßmutter es tat (sie war es, die immer davon geredet, zu Heiligabend mit dem Glöckchen geläutet und uns zuvor im Flur zu warten angewiesen hat), und ihr zuliebe ähnliches vorgegeben zu haben. Desgleichen ist mir bekannt, dass frühkindliche Erinnerungen eh in hohem Maße re- bzw. einfach nur konstruiert sind, weswegen ich keinen nennenswerten Anspruch auf die Richtigkeit dieser Behauptung erhebe. Überhaupt interessiert mich die Wahrheit in solchen Dingen wenig, wie es dieser Begriff auch sonst nicht tut, außer als Objekt meiner philosophischen Kritik. Aber bevor ich jetzt wieder Nietzsche auspacke, begebe ich mich zurück in meine dichterisch-kindliche Faszination, die im Übrigen mit der archäo- und/ oder geologischen viel gemein hat, und lese noch ein wenig über Atlantis, Kerguelen und Aldaraia.

One Comment leave one →
  1. 28. Dezember 2011 9:43 pm

    http://xkcd.com/593/

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