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nicht dem Leben mehr Tage: den Tagen mehr Leben

28. November 2011

Ich hätte nicht gedacht, dass mein letzter Eintrag etwas mit meiner Arbeit zu tun gehabt hätte, aber das hat er: Der jüngste Anflug von Vergänglichkeitsbewusstsein nämlich trifft, das ist mir eben erst aufgefallen, einen feinen Nerv, der wiederum die Thematik berührt, mit dem ich mich derzeit von Berufs wegen befasse.

Es geht um Lebenszeit.

Diesen Begriff kann man so romantisch oder pragmatisch auffassen, wie man will, und je nachdem, wie man es tut, kommt dann entweder morbides Gesäusel oder die sehr konkrete Fragestellung heraus, wie denn z.B. Beruf und Privatleben zu vereinbaren sind. Letztere zu beantworten, ist letztlich das unbescheidene Ziel beinahe aller Recherchen und Argumentationen, die ich in den letzten Wochen angestellt habe.

Interessanterweise darf ich das aus einer Perspektive tun, in der die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche eigentlich gar kein Thema zu sein hat, jedenfalls nicht aus Sicht des klassischen Großkonzerns bzw. irgendwelcher Ministerien, die zwar gut und recht daran tun, die Problematik der sog. Frauen- und Familienpolitik für Unternehmen zu unterstreichen, damit aber leider auch dazu beitragen, die ganze Vereinbarkeitschose auf ein Frauen-, um nicht zu sagen Mütterproblem zu reduzieren: Ich jedenfalls gehöre bspw. rein lebensphasentechnisch (die Lebensphasenorientierung schreibt man sich ja als attraktiver Arbeitgeber heute nur allzu gerne auf die unternehmenskommunikativen Flaggen) zu denjenigen, die noch ganz unbelastet durch Familie und derlei Kinkerlitzchen die größtmögliche Flexibilität genießen. Spaßig ist nun der Schluss, den man personalpolitisch üblicherweise daraus zieht: Dass Leute wie ich ja dann im Beruf keine Flexibilität brauchen, um nicht zu sagen eigentlich uneingeschränkt arbeiten können und sollen.

Wenn man nicht gerade bei einem furchtbar kreativen Neue-Medien-Startup schafft, kann man Einschränkungen der Regelarbeitszeit ja nur durch anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Mein hoffentlich diplomatisch geschickter Versuch, personalstrategisch zu argumentieren, dass man auch ein Privatleben haben darf, das wirklich privat ist, hat hauptsächlich mit der Umdeutung all dieser Einschränkungen und Verpflichtungen zu Verantwortung zu tun, denn Verantwortung hört und hat man ja als Unternehmen nur allzu gern. Wenn nun die Bereitschaft, einem Arbeitnehmer nicht nur Zeit dafür zu geben, seine Familie mit Ach und Krach vor dem Zersplittern zu bewahren, sondern ihn auch noch in irgendeiner Form für sich persönlich sorgen zu lassen, zusätzlich das hauchzarte Echo Nachhaltigkeit mit sich bringt, könnte man tatsächlich ein kleines anstoßbares Dominosteinchen in Richtung des vielzitierten Wertewandels gefunden haben.

Überhaupt: Alle reden von Unternehmenskultur, aber keiner tut was dagegen. Oder dafür. Das mit der Präsenz- und Ergebnisfokussierung dürfen wir in der Personalstrategie fleißig konzeptuell durchleuchten, die wir selbst von früh bis spät an unsrem ewig selben Schreibtisch harren. Da ich junges Ding nun auch gerade erst angefangen habe, darf ich noch gespannt sein, wo das knappe Fenster (im Sinne einer Lebens- und Karrierephase) liegt, in dem man schon und noch diese so genannten flexiblen Arbeitszeiten und -bedingungen in Anspruch nehmen kann oder könnte.

Auf das Ganze kam ich übrigens im Ärger über eine sinnlos mit der nicht funktionierenden Personal Hot Spot-Funktion meines datenfähigen Telephons verbrachte Zugfahrt, auf der ich eigentlich gerne entweder Dexter oder eine Folge der jüngst entdeckten Bombastizität Glee gesehen hätte (von meiner steten Suche nach schönen Serien erzählte ich ja mal: Sie hat einmal wieder ein Ende, bzw. einen Schnitzeljagdschnitzel gefunden). Eine Dreiviertelstunde Lebenszeit, mit der ich gerne etwas angestellt hätte, letztlich aber zu nichts, aber auch gar nichts kam. Da sie, also die Dreiviertelstunde, im Kontext des raumzeitlichen Faszinosums der Reise mit den Öffentlichen (auch davon war beizeiten die Rede) verlief, trat dieser Effekt merkwürdig deutlich hervor.

Vor ein paar Tagen fiel mir übrigens sehr zu meinem Chagrin auf, wie viel Zeit auf Erden man verschläft. Dass man ein knappes Drittel seines Lebens einfach nicht mitbekommt (von psychologischen, analytischen, philosophischen und sonst welchen Modellen des Unter- und Unbewussten einmal ganz abgesehen, denn dass das da ist, ist ja schon gut, solange es der eigenen Person angehört und zum bewussten Erleben und Handeln beiträgt).

Vielleicht träumt man schön dabei, aber tun und lassen kann man solange nichts. Kurzum, man vermag das eigene Dasein in dieser Zeit nicht zu gestalten, es verstreicht einfach.

Umso ironischer ist da doch der Satz, mit dem in meiner Familie gerne ein baldiges Zubettgehen angedeutet wird:

… ach, ich werde heute nicht mehr alt.

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