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Gute Nacht, Fremde

25. November 2011

Solche Gedanken hat man wohl nur in hypnagogischer, also sprichwörtlicher Umnachtung (dass hypnagogisch die Phase des Einschlafens bezeichnet, habe ich übrigens im Zuge einer kürzlichen Recherche erfahren, die ich nachts um halb sechs im Anschluss an eine befremdliche, ja beängstigende Episode hypnopompischer Halluzinationen anstellte): Ist es nicht merkwürdig, sich nicht mehr sicher zu sein, ob man eine eigene Erinnerung tatsächlich erlebt hat oder nicht? Und (in ebensolcher halbschläfrigen Trance ergibt sich diese Assoziation): Ist es nicht bedauerlich, dass man jeweils nur ein Leben hat?

Mir geriet bspw. vorletzte Nacht, als ich so vor mich hindämmerte, ein Erlebnis aus meiner Schulzeit in den Sinn (obendrein eines, an dem nur ein Mitschüler und ich beteiligt waren und von dem ich ansonsten kaum jemandem erzählt habe) und kam mir gleich schon mal vor, als sei es länger her, denn es tatsächlich war. Aber gut, das passiert. Jedenfalls wirkte die Erinnerung außerdem dergestalt fremd, als sei sie jemand anderem widerfahren. Ich überzeugte mich dann reminiszierend davon, dass ich tatsächlich das blackburnsche Kriterium für die Identität mit derjenigen, aus deren Perspektive ich mich der Geschehnisse entsann, erfüllte, aber merkwürdig war es doch.

Umso abstruser die Wirrnis von Gedanken, die folgte. Die philosophische Lehrmeinung mal dahingestellt: Das mit der Gedächtnisidentität ist doch nicht so ganz einfach. Gefühlt kann man, so weiß ich aus Erfahrung und erfuhr ich eben auch an diesem Beispiel wieder, mehrere Leben führen (ob dreizehneinhalb oder sonst wie viele). Hintereinander natürlich. Aber wenn man sich nun vorkommt, als sei man in der Zwischenzeit ein anderer geworden! Verliert man sein früheres Leben dann, oder gerade nicht? Und überhaupt: Man ist halt jeweils nur einmal anderthalb, zwölf, achtzehn, zwanzig. Die Vergänglichkeit allen Seins ist mir zwar schon früher aufgefallen, tatsächlich habe ich sie hier schon mehrfach in, wie ich hoffe, zwar nicht allzu barock-morbider Weise thematisiert, aber bedauerlich ist sie doch.

Ehe ich jetzt noch anfange, Hofmannsthals Terzinen über Vergänglichkeit zu zitieren, gebe ich mal lieber Ruhe.

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