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Spieglein, Spieglein

21. November 2011

You’re all individuals!
I’m not.

(Brian und ein Individuum in Life of Brian)

In den unbesehen abgespeicherten Tabs meines Browsers, die ich im Laufe der letzten Arbeitswoche geöffnet hatte – eine vorzügliche Alternative zu Lesezeichen übrigens, sie erhält nämlich auch das, was zum Vermerken nicht wichtig genug, aber eben eigentlich doch irgendwie interessant ist – in diesen Tabs also stieß ich heute Morgen auf einen Artikel, von dem ich schon gar nicht mehr weiß, welche Relevanz er je für die Thematik besessen hat, an der ich arbeite, und der deswegen genau in die obige Kategorie fällt.

Es geht darin im weiteren Sinne um die sogenannte Selbstverwirklichung und vor allem um die Findung eines zu verwirklichenden Selbst, Konzepten, denen ich selbst immer wieder mal mehr oder weniger systematisch(e) Gedanken widme; genauer diagnostiziert der Autor als die Modeneurose unserer Zeit eine Verzweiflung an den Möglichkeiten der Selbst- und Lebensentwürfe sowie vor allem auch der Selbstdarstellung. Ich für meinen Teil bin übrigens anlässlich der mickrigen Zeile, die seit einigen Monaten oder Jahren (ein treuer Zuschauer bin ich nicht) die Vorstellung der Kandidaten bei Wer wird Millionär? begleitet, inzwischen zu der Überzeugung gelangt, den vielzitierten 15 Minutes of Fame entsprächen heute etwa anderthalb Sekunden, in seltenen Fällen die Dauer eines halb- bis dreiminütigen Videos. Gerade bin ich wieder vom Fernseher geflohen, weil ich dieses Gewinke zu einer künstlichen, von einer fremden Stimme vorgelesenen Profilierung, gleich wie gekonnt oder unbeholfen die Wortwahl sein mag, regelrecht entwürdigend finde. Aber es geht mir ja hier nicht ums Schimpfen.

Viel interessanter ist nämlich Herrn Altmeyers treffende Einsicht, dass Identitätsbildung und -findung heute in und vor einer (gleich wie desinteressierten) Öffentlichkeit stattzufinden hat. Die „identitätsstiftende Spiegelung im anderen“ nennt A. das „unbewusste Ziel des selbstdarstellerischen Akts“, und damit hat er sicherlich recht, ob nun diese Art von Versuchen der Identitätsstiftung und ihr Erfolg tatsächlich das entscheidende Charakteristikum heutiger psychischer Volkskrankheiten sind oder nicht.

Die Spiegelmetapher (ob sie nun tot ist oder nicht, das Wort Spiegel scheint mir unbestreitbar metaphorisch) erinnert mich an die hübsche homoerotische Stelle in Huis Clos, als die blonde Kindermörderin ihren Lippenstift nachziehen will, sich aber ja in der sartreschen Hölle befindet, die bekanntlich die anderen sind, und in Ermangelung eines Handspiegels treuselig auf das Angebot der mit ihr dort befindlichen lesbischen Postbeamten eingeht, ihr die Akkuratesse der Schminke in Worten zu spiegeln. Das ist nun wiederum ein kaum verklausuliertes Gleichnis für die existentialistische Feststellung, dass Reflektion (auch im übertragenen Sinne) sich am Bild des eigenen Äußeren orientiert, das es nur pour-autrui gibt, also eben für diese besagten anderen, und das einem deswegen in gewissem Sinne nicht gehört und vor allem nur eine zweifelhafte, um nicht zu sagen gefährliche Grundlage für das eigene Selbstverständnis bildet. Die Selbstaufgabe scheint jedenfalls zu sein, wovor Sartre warnt, wenn er Inez dann (in englischer Übersetzung, eine andere Version gelesen zu haben kann ich zu meinem Bedauern nicht behaupten) sagen lässt, I’ll be your lark mirror, my dear, und als solcher würde sie das arme Ding einfangen wie einen Vogel, der sich vom lockend blitzenden Licht bezaubern lässt.

Sartre meint also, so könnte man aus seinem Drama herauslesen, es wäre prinzipiell schlecht, sich an anderen zu orientieren. Und das meint er eben wirklich. Für ihn ist ja alles Miteinander auf der Welt eigentlich immer ein Gegeneinander, die Koexistenz mit anderen Menschen und ihren subjektiven Vorstellungen von der Welt samt individuellen Handlungsspielräumen und Zielen kann gar nicht gut gehen: Die handlungsfähige und zielorientierte Subjektivität eines Menschen ist es nämlich erstens, das laut S. die Wahrnehmung der Wirklichkeit überhaupt erst entscheidend definiert und ordnet (als einen stetigen Instrumentalkomplex oder wie auch immer das übersetzt wird, in dem nichts einfach eine objektive Sache ist, sondern immer einen subjektiven Sinn verliehen bekommt); zweitens aber – und in diesem zweiten Punkt weicht meine Sicht der Dinge entschieden von der seinen ab – können verschiedene Subjektivitäten einfach deswegen, weil es verschiedene sind, für ihn anscheinend per se nicht miteinander übereinkommen. Die anderen vermögen schließlich nie die eigene subjektive Freiheit in all ihrer Tiefe zu erfassen und nageln einen deswegen immer auf Äußerlichkeiten fest, fangen einen ein, nennen einen pazifistischen Idealisten Feigling und Deserteur (der Betreffende ist es ja denn auch, der verkündet, l’enfer seien les autres) … kurzum, sie taugen nichts zur Identitätsstiftung, jedenfalls nicht zur Stiftung einer authentischen eigenen Identität. Außer natürlich man stellt fest, dass ja auch die eigetnlich nur in der Reflektion, also auch nur wieder als intendiertes Objekt Bestand haben kann, und schätzt sie dementsprechend genauso gering wie die Welt des Anderen. (Inzwischen muss ich mich wohl für das Bild entschuldigen, das ich von Sartre zeichne, es macht wohl die Gewohnheit, heftig gegen ihn anzuargumentieren, obwohl er ja im Grunde recht hat mit dem ganzen Existentialismus. Nur eben dieser traurig unhumanistischen* Bewertung der Phänomene, die er – soweit er das tut, tut er nämlich auch nicht immer – nachvollziehbar beschreibt, will ich in aller Deutlichkeit widersprechen, drum überzeichne ich sie womöglich auch ein wenig.)

*S. hat ja sogar ein Werk mit der Feststellung überschrieben, der Existentialismus sei ein Humanismus – was an sich ja auch stimmt. Erst bei der Auslegung des Humanismusbegriffs auf eine Philosophie, die dem Menschen als freiem Individuum bzw. der Menschheit und dem Menschen als Teil derselben gerecht wird, distanziere ich mich wieder: Mir geht es nicht um den Menschen, welchen auch immer, sondern um die Menschen.

Man könnte jetzt auch einfach mal postulieren, dass Intersubjektivität nicht nur möglich, sondern wünschenswert ist, und dass die Spiegelung durch andere keine Gefährdung für das eigene Selbstbild darstellt, sondern es im Gegenteil durchaus maßgeblich prägen darf und soll. Denn was ist man schon als das, was man aus sich macht? Dass sich im eigenen Handeln und Entscheiden die Identität mindestens niederschlägt, um nicht zu sagen erst (heraus- bzw. weiter-)bildet, ist vielfach behauptet worden und wohl auch nicht so ganz verkehrt. Und handeln tut man nun mal in einer Welt, die man sich mit anderen teilt. (Dass die Psyche „intersubjektiv verfasst“ ist, gehört „zur Grundausstattung menschlicher Existenz“, formuliert A. das.) Und: Das ist auch ganz gut so.

Die Rückbesinnung auf die Einsamkeit der absoluten subjektiven Freiheit und Essenzlosigkeit mag ja einem gewissen Philosophieverständnis gemäß lobenswert erscheinen. (Das ist jetzt gewissermaßen die Übertragung des Asteriskvermerks vom Humanismus auf die Philosophie selbst.) Ich vertrete die wissenschaftlich womöglich kontroverse Auffassung – wie viel Widerspruch ihr begegnen würde, kann ich kaum sagen, ich habe sie noch nicht oft in einem entsprechenden Kontext zu äußern gewagt –, dass das Denken und durchaus auch seine systematische, auf die Urgründe des Seins gerichtete Form, die Philosophiererei also, letztlich aus dem berechtigten Wunsch entstanden ist, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden, i.e. sein Leben darin in einer der Wirklichkeit und auch dem eigenen Menschsein angemessenen Weise zu gestalten.

Nun ignorieren viele Formen der so genannten Philosophie m.E. schon mal alles, was nach dem und kommt. Deren Sinn, wenn sie denn einen haben, erschließt sich mir nur in geringem Maße, das will ich offen zugeben.

Eine klassische Disziplin wiederum, der es um eben diese zweite Hälfte geht, ist natürlich die Ethik. Weil man in der Ethik aber irgendwie immer nur entweder mit oder gegen Kant argumentieren kann und dem prinzipiell Wirklichkeit und Menschsein im Vergleich zu jenseitigen moralischen Gesetzen von absoluter, universeller Existenz und Gültigkeit ziemlich schnuppe sind, hat die Ethik, so wie ich sie kenne, wenig mit dem zu tun, was ich eigentlich unter Philosophie verstehe.

Ich schweife ab. Es ging um Selbstdarstellung in intersubjektiven Kontexten.

Da fällt mir ein Bild zum Thema ein. Der dazugehörige Artikel ist bestimmt auch interessant, ich lese ihn andermal. – Andermal werde ich auch vielleicht zum wiederholten Male die figurativen Fahnen, auf denen die Phänomenologie steht (obwohl sie ja eine grundfalsche Bewegung ist), herausholen und damit ein bisschen herumwedeln, aber das wird hier ja schon wieder viel zu viel der philosophischen Grundsatzdebatte, in Form eines fabulierenden Schattenboxens obendrein (wenn nicht in den Kommentaren die Diskussionswut aus dem einen oder anderen hervorbricht, was sie gerne darf).

Worauf ich hinauswill, ist nicht, dass das Streben nach den oben skizzierten 1.5 Seconds of Fame eine sinnvollere Herangehensweise an die eigene Identitätsfindung darstellt als andere: Tatsächlich halte ich sie in den meisten Fällen für ziemlich stillos – was allerdings wiederum einen Teilaspekt der Wirkung auf andere (also in dem Falle mindestens einen anderen, viz. mich) darstellt, die ja eben in diesem Modell entscheidend ist. Übrigens finde ich abgesehen davon, dass Identität sich durchaus in der besagten Spiegelung und im Austausch mit einer verallgemeinerten oder unmittelbaren Umwelt herausbilden darf, auch den Fokus auf Identität und Individualität an sich gar nicht verkehrt, der heutzutage anscheinend zunimmt. Es wäre in der Tat recht heuchlerisch zu leugnen, dass das öffentliche Verfassen von Philosophiereien und anderen grenzliterarischen Versuchen sowie das gelegentliche Betrachten von Leserstatistiken nichts mit dem zu tun hat, wovon A. schreibt.

Aber ich bin ja auch ein Kind meiner Zeit.

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