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Hier fängt die Geschichte an

19. November 2011

The secret to writing is to write. (Forrester in Finding Forrester)

Die letzten Wochen habe ich kaum geschrieben und nichts veröffentlicht, in welchem Maße auch immer das Zugänglichmachen für die hiesige geneigte Leserschaft als Publikation zu werten ist. Das mag daran gelegen haben, dass ich wenig Zeit habe, seit ich im engeren Sinne der arbeitenden Bevölkerung angehöre: Zusätzlich zu den (regelmäßigen Über-)Stunden im Bureau, in denen ich noch nicht die Dreistigkeit besessen habe, ausführlicher als mit einem einminütigen Blick in meine privaten Korrespondenzen Fremdbeschäftigungen nachzugehen, verbringe ich noch zwei weitere am Tag pendelnd und schlage dann in der abendlichen Finsternis des beginnenden Winters derart erschöpft daheim auf, dass mich in meiner spärlichen Freizeit noch keine nennenswerte Schreibwut gepackt hat, geschweige denn eine derartige, dass am Ende auch was Vorzeigbares rausgekommen wäre. (Ein gerüttelt Maß Perfektionismus lässt mich ja vorsichtig, wenn auch nicht immer gleich sorgfältig selektieren, was ich euch, liebe Halböffentlichkeit, unter die Nase reibe und in welcher Form. Wenn ich dann einmal damit angefangen habe, sinkt diese Hemmung jeweils für ein paar Tage, aber die wenigen Zeilen der letzten Wochen haben noch keinen solchen Impuls loszutreten vermocht.)

Während der langen Zugfahrten habe ich mich zunächst gelangweilt. Ich durfte ja, so meinte ich jedenfalls, aus Gründen der Betriebsspionageprävention keine private Hardware ins Bureau mitführen, ungeachtet dessen, ob ich meinen Rechner während der Arbeitszeiten überhaupt verwendet oder ungenutzt gelassen hätte. Gestern hat mein Chefchef (nein, er ist ja sogar mein Chefchefchef) mit überraschender Nonchalance diese Zweifel aus- und mir hinreichendes Vertrauen in meine Loyalität zum Unternehmen eingeräumt, dass ich mich nächste Woche tatsächlich gelegentlich mit der Gerätschaft bewaffnen werde, auf der ich soeben tippe, wenn ich wieder stundenlang durch die Weltgeschichte pendle und nicht besseres zu tun habe. Noch habe ich das aber.

Vor einigen Tagen ereilte mich nämlich die wunderbare Idee, mal wieder ein Buch zu lesen.

Ich weiß nicht, ob ich erwähnt habe, dass mir mein Studium der Literatur das Lesen von Erbauungslektüre eigentlich gründlich abgewöhnt hatte; wenn man gezwungen ist zu lesen, nimmt ja beinahe unweigerlich der Wunsch ab, es freiwillig zu tun, auch wenn ich als junges Ding mal zu den Lesefreudigeren gehört habe. Im Übrigen lese ich nicht besonders schnell: Ich bin beinahe außerstande, einen Text zu überfliegen, ohne auf Details in Wortwahl und Formulierungen zu achten; tatsächlich wage ich zu vermuten, dass meine Fähigkeit zum Übersehen von Tipp- und Druckfehlern sehr begrenzt ist. – Von Berufs wegen also musste ich eh ständig irgendwas lesen, teils auch durchaus Interessantes und Erquickliches – warum also es auch noch in meiner Freizeit tun, ich hatte ja eh keine Zeit.

Eigentlich habe ich mir nur, wenn ich fieberkrank und bettlägerig war, sowie ein einziges Mal, als der Stress der Prüfungsvorbereitungen mir allzu arg zusetzte, sehr bewusst ein Buch ausgesucht und durchgelesen. Das war im Falle des Prüfungsstresses der hervorragende, wenn auch verwirrend komplexe satirische Spionageroman The Gun Seller von Hugh Laurie, und im Falle mehrtägiger Krankheiten seit meiner Kindheit eigentlich immer ein jeweils anderes Werk von Walter Moers. Für diese überwiegend enormen Folianten – ein Synonym aus dem Wortschatz des Autors übrigens, das in der Stadt der Träumenden Bücher in Anbetracht der Häufigkeit, mit der Bücher Erwähnung finden, verständlicherweise massenhaft auftaucht – braucht es nämlich Zeit und die Bereitschaft, in der Lektüre und ihrem phantastischen Reich dergestalt aufzugehen, dass ich sie als rasche Zerstreuung zwischen Tür und Angel unbrauchbar fand und finde.

Da ich nun aber eben über diese zwei Stunden am Tag verfüge, die sich zum Lesen ähnlich hervorragend eignen wie das kränkliche Zubettliegen, ja wo literarischer Eskapismus entscheidend zur Erträglichkeit der entweder morgendlich verschlafenen oder abendlich erschöpften Stimmung starr vor sich hin blickender Pendler in entweder dämmrigen oder düsteren Lichtverhältnisse und Novemberkälte beiträgt, da ich nun also Anlass hatte, wieder einmal ein Buch zu lesen, habe ich mir eines Morgens die besagte Stadt der Träumenden Bücher eingepackt. (Es erfordert wohl ein gewisses Selbstbewusstsein, in Zug und U-Bahn ein gebundenes, mit originellen bis albernen Illustrationen versehenes Werk von derartigem Format hervorzuholen und es mit eng angelegten Ellenbogen behutsam auf dem eigenen – vom Stoff eines geschmackvollen businesstauglichem Rockes bedeckten – Schoß auszubreiten, ohne beim Sitznachbarn anzuecken. Aber es lohnt sich.)

An anderer Stelle will ich darauf eingehen, wie nachhaltig mich diese Lektüre wie jedes Mal beeindruckt und inspiriert (ich bin nach einer Woche solcher gut zweistündiger Zeitfenster noch nicht ganz durch, was meine Behauptung, ich läse durchaus ohne Eile, wohl unterstreicht). Für den Moment aber will ich es dabei belassen, über das Lesen und Schreiben zu schreiben. Und überhaupt etwas zu Papier (oder sonst wohin) gebracht zu haben: Vielleicht ebnet das ja den Weg für sporadische, aber eben doch etwas weniger seltene Ausbrüche der journalistischen bis literarischen Schaffenskraft in näherer Zukunft. Im Zweifelsfall schreibe ich über das Phänomen des horror vacui und versuche dabei nachzuempfinden, wie einem Text zu diesem Thema wohl eine vergleichbare Qualität einzuimpfen sein mag wie dem rätselhaften Manuskript des verschollenen Dichterphantoms im bewussten Zamonienroman. Der endet im Übrigen mit den Worten des Titels, die dem Vorbild des Buches folgend vielleicht irgendwann einmal mein eigenes Schreiben einleiten werden, wenn mich wieder die Schreibhemmung packt.

Aber jetzt habe ich ja schon angefangen.

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