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All is vanity

20. Oktober 2011

This is my only chance to assemble a disreputable past and I’m going to take it! (Wilmot Malvern in Jeeves & Wooster)

Im Sinne des Vergänglichkeitsbewusstseins, dass meine Gedanken der letzten Tage, mein um eine Ziffer fortgeschrittenes Alter und in verschiedenerlei Gewand auch meine letzten Artikel umwölkt, geistert mir das Thema Zeitlichkeit durch den Sinn. In der Philosophie ist es mir oft genug untergekommen, ohne dass ich das Gefühl irgendwelcher nennenswerten Klarheit darüber gewonnen hätte; faszinierend ist es allemal.

Es könnte übrigens sein, dass ich im Folgenden rücksichtslos fachliche mit laienhafter Faszination vermenge und vice versa, wofür ich jeweils um Entschuldigung bitte. Ich schreibe hier überhaupt oft dergestalt, dass ich meine mich dafür entschuldigen zu müssen. Einmal mehr fallen mir fremde Worte ein, was wohl Ausdruck derselben oder einer ähnlichen affektierten Feigheit ist:

I really must stop saying sorry. It doesn’t make things any better or worse. If only I had it in me to be all fierce, fearless and forthright instead of forever sprinkling my discourse with pitiful retractions, apologies and prevarications. It is one of the reasons I could never have been an artist … Artists are strong, bloody-minded, difficult and dangerous. (Stephen Fry, The Fry Chronicles)

Fry formuliert wie immer wundervoll, wenn ich auch seine Äußerungen nicht 1:1 auf mich anwenden möchte: Ich für meinen Teil will es mir nämlich bspw. nicht nehmen lassen, schwierig zu sein. Aber zur Sache.

Sartre und bestimmt auch sonst so manch anderer weiser Mann hat ja treffend festgestellt, dass die Gegenwart nicht existiert bzw. in ihr nicht existiert werden kann; sie markiert immer nur den Punkt des Wechsels von der Zukunft, die noch nicht ist, in die Vergangenheit, die nicht mehr ist und deren Erinnerung übrigens nachweislich immer nur rekonstruiert statt abgerufen wird. Aber wer oder was kann dann als wer oder was dann existieren? und wann? und überhaupt? Für Sartre hat ja das Nichtsein der Gegenwart mit dem Nichtsein des Bewusstseins zu tun, das immer nur in thetischen Betrachtungen oder Projektionen von Vergangenem, Zukünftigem und jedenfalls Intentionalem besteht, ohne selbst Bestand zu haben. Und sein Verständnis der absoluten existentiellen Freiheit fußt auf der Feststellung, dass nichts in der Vergangenheit (oder überhaupt in der Faktizität der bestehenden Welt) auf die Intentionen des Bewusstseins Einfluss nehmen kann (eine Feststellung, die ich wiederum eigentlich richtig, aber auch verkehrt finde: Ich werde das bei Gelegenheit ausführen).

Als ich in meiner Bachelorarbeit gegen Sartres Fokussierung auf das Nichts und das Nichtsein argumentierte, blieb mir im Rahmen der ohnehin ungebührlich komplexen Thematik von Bewusstsein, Selbst, Identität und der Konstanz derselbigen kaum anderes übrig, als den Zeit- und Momentbegriff ziemlich außen vor zu lassen. Man könnte jetzt behaupten, er sei essenziell, man kann sich aber wohl auch gleich gar nicht mit der merkwürdig faszinierenden Unidirektionalität der Zeit auseinandersetzen und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen vergangenen und künftigen Entscheidungen, Taten und Selbstentwürfen unabhängig von der Problematik von Vergangenheit und Zukunft selbst betrachten. Überhaupt gehört die Behauptung, es sei unerhört, dass die Zeit nur in eine Richtung verläuft, eigentlich zum Schlage derjenigen, die ich der Philosophie sonst als Indizien der Elfenbeinturmverstiegenheit ankreide: Es ist eben so. Genauso wie es eben so ist, dass der Mensch ein verkörpertes und bewusstes Wesen ist und das ganze Gezeter um Dualismus, Epiphänomenalismus, Monismus, Materialismus und wie sie nicht alle heißen deswegen zu nichts weiter taugt als dazu, ein einziges, phänomenologisch und holistisch problemlos begreifliches Phänomen in immer wieder neuen Konstruktionen sinnlos zu zerfleddern und zu problematisieren. (Die Idee, man könne es auch einfach im Sinne zweier oder mehrerer – es gibt nämlich, Überraschung, auch die Psyche und so was wie ein Unterbewusstsein statt nur Geist und Körper! wobei ich ja eh gegen die Trennschärfe und Zählbarkeit all dessen bin – Aspekte statt Substanzen denken und nicht so einen Zinnober veranstalten, vermisse ich in der traditionellen und zeitgenössischen Debatte, aber das mag an meiner eigenen Unwissenheit liegen. Vielleicht möchte mich jemand eines Besseren belehren?)

Jedenfalls irritiert mich selbst immer wieder irgendwas am unidirektionalen Verlauf der Zeit. Vielleicht ist es die Tatsache, dass man die Abläufe und Bewegungen, die uns Zeit erfahrbar machen, dennoch rückwärts oder eingefroren denken kann; vielleicht ist es der Kontrast zum Raum, in dem wir uns ja auch frei bewegen können, obwohl natürlich die Bewegung wieder nur zeitlich zu begreifen ist; vielleicht ist es auch die Metaphorik, die wir gerne gebrauchen, um Verlauf und Fluss und Geschwindigkeit der Zeit zu beschreiben, wobei letzteres natürlich eine besonders hübsche Absurdität hat.

All das ist außer für die besagten Elfenbeinturminsassen nur insofern relevant, als der unaufhaltsame Lauf der Zeit an die Erfahrung der Vergänglichkeit geknüpft ist, und die hat es in sich: Zum aktuellen Anlass des nominellen Älterwerdens suchen mich in geringen Dosen Wehmut, erwartungsvolle Ungewissheit und Zuversicht heim; Stress und Zeitdruck gibt es nur, weil die Zeit vor sich hin verläuft und es dabei je nach Standpunkt zu wenig davon gibt oder die vierundzwanzig Stunden am Tag, die laut den neulich erwähnten Schlaumeiern ja jedem gleichermaßen zur Verfügung stehen, suboptimal gemanagt werden; Trauer und Bitternis begleiten Tode und auch die immer deutlicher spürbaren Zehenspitzen und Füße, mit denen man selber ab einem bestimmten Alter im Grab steht (ein solches Alter kann z.B. fünfzehn sein: Da schrieb mir eine Brieffreundin, sie habe ihre erste Stirnfalte entdeckt und fühle sich anlässlich dessen sehr alt); das barocke und das traditionelle japanische Schönheitsverständnis kultivieren Vanitas und 物の哀れ zum ästhetischen Prinzip. Da kann man doch nicht anders als diese Zeit, deren Lauf, Unaufhaltsamkeit und Zähne all jenen Erfahrungen zugrunde liegen, irgendwie faszinierend finden.

Stellt man dann im Sinne Sartres auch noch fest, dass es überhaupt immer nur einen Moment auf einmal gibt und alles Zukünftige und Vergangene sich in der Intention des thetischen Bewusstseins abspielt, kann einem schon bang werden. Und glaubt man ferner, man wäre sowieso zu keinem Zeitpunkt irgendwer, weil das Bewusstsein, in dem das eigentliche Ich (im Unterschied zum angeblichen transzendentalen Ego, das es pace Husserl eh nicht gibt, wo auch?) besteht, ja keine Substanz hat, dann wird man entweder tief verunsichert oder Existentialist oder beides (und stellt im Zweifelsfall mit Camus die Frage, warum man sich eigentlich nicht einfach umbringt).

Dabei lebt man ja aber doch in einer unleugbaren Konstanz und Konsistenz der Erfahrung und des Bewusstseins. Schon die körperliche Kontinuität, die sich nicht als erfahrbares Faktum, sondern als Rahmenbedingung der Erfahrung selbst durch unser Leben zieht (NB, dass out-of-body experiences ja auch aus der eigenen Körperlichkeit heraus und nur im Kontrast dazu erlebt werden), bezeugt –jedenfalls wenn man kein spinnerter kartesischer Dualist ist – diejenige des Bewusstseins. An der Kontinuität der eigenen Erinnerung, welchen ontologischen Status und welche Richtigkeit man ihr auch immer zugestehen mag, bemisst sich ja traditionell die subjektive diachrone Identität. Und auch wenn Sartre von einer tabula rasa der eigenen essentiellen Identität auf der Basis der von vornherein sinnlosen Existenz spricht, so geht er ja doch davon aus, dass Menschen ihr jeweiliges projet fondamental irgendwie von selbst beibehalten; die Essenz wird eben doch nicht zunichte, wenn das Bewusstsein sie nicht in jedem Moment aufs Neue intendiert. (In der besagten Arbeit war ich so dreist zu behaupten, dieses Phänomen könne Sartre nur stringent erklären, indem er allen ständigen Selbstbetrug, nämlich mauvaise foi unterstellt, was man durchaus freudsch und jedenfalls unglaubwürdig nennen darf.)

Welcher ontologische Zusammenhang auch immer nun also zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen mag, die ja eigentlich in verschiedenen Seinsmodi unterwegs bzw. überhaupt nicht existent sind: In der subjektiven Wirklichkeit wird eben doch die eigene Vergangenheit irgendwie wirksam in die Gegenwart getragen und der Zukunft zugrunde gelegt. Irgendwas bleibt immer.

Das hat angesichts all der existentiellen und vergänglichkeitsbewussten Verunsicherung der obigen Absätze doch etwas Beruhigendes.

2 Kommentare leave one →
  1. 24. Oktober 2011 1:18 pm

    Sartre kann ich ja irgendwie nicht ernst nehmen. Aber ich glaube, mir fällt sowieso kein bekannter Philosoph ein, der das verdient hätte.
    Die Gegenwart existiert. Man darf bezweifeln, ob etwas anderes existiert. Und wenn sie ohne Ausdehnung sein sollte (was ich nicht als gegeben annehme), dann würde das daran nichts ändern.
    Denke ich.

    • 25. November 2011 12:31 am

      Etwas verspätet versuche ich doch mal wieder gute Gastgeberin zu sein und auch hierauf zu antworten. Mir ist nämlich gerade eben erst aufgefallen, dass dein Existenzverständnis halt ein anderes ist als dasjenige Sartres, du hast also zwar irgendwie recht, aber nicht Sartre widerlegt (wobei du ihn dafür wohl ernst nehmen müsstest). Transzendenz (also jetzt im Sinne von transzendent, nciht transzendental) ohne Ausdehnung ist eben wirklich eine schwierige Sache, deswegen differenziert der Gute da auf denkbar verwirrende Weise zwischen verschiedenen Modi des Seins bzw. Nichtseins.
      Real ist sie trotzdem, und zwar nicht nur phänomenologisch, sondern sozusagen als Grundalge phänomenalen Erlebens, ähnlcih wie die leibliche Perspektive. Es gibt sie halt in gewissem Sinne nicht – und in einem anderen Sinne bildet sie den Rahmen all dessen, was es gibt, weil der Wahrnehmung.
      Das ist halt das mit Sartre und seinem Neant-Begriff. Ich bin nicht, was ich bin, bin aber, was ich nicht bin (weiß der Teufel, wie herrlich komplex sich das dann noch im Original liest). Da kann sich z.B. Hamlet mit seinem Hobbyexistentialismus gleich eindosen.

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