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Heute kann es regnen, stürmen oder schneien

19. Oktober 2011

Letzte Nacht träumte mir, ich hätte meinen eigenen Geburtstag vergessen. Das ist vielleicht ein Zeichen des Älterwerdens, dessen ebenjenes morgige Datum so ambivalent gemahnt.

In meinem Alter beginnt ja die alljährliche Freude über die Besonderheit eines Tages, an dem es einem eigentlich ohne Sinn und Verstand, aber dafür mit lebenslanger Tradition besonders gut zu gehen hat, allmählich überschattet zu werden vom Grauen über die Zahl, die von fortan die eigenen Lebensjahre beziffert. Insgesamt verliert das Jubiläum aber in der Dekade des Lebens, in der ich mich befinde, wohl einfach an Bedeutung, ehe es sie jenseits der Dreißig vielleicht jäh wieder gewinnt und dann das eigene Alter ggf. im Sinne antiquierter Gepflogenheiten zur Geheimsache wird: Die besten zwanzig Jahre im Leben einer Frau liegen ja bekanntermaßen seit eh und je zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig. Herren befleißigen sich meines Wissens seltener eines derart kryptischen Umgangs mit den entsprechenden Zeitmaßen, wobei als bedeutsame Ausnahme Karl Lagerfeld Erwähnung gebührt: Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn in der Zeitung eine Klammer mit der Erläuterung vermutlich 73 (bzw. 78 bzw. 75 etc.) auf seinen Namen folgt.

Wie alt ich für meinen Teil bin und werde, vergesse ich eh schon seit beinahe zehn Jahren immer wieder; auch mein jüngerer Bruder fängt jetzt damit an: Vor einigen Tagen hat er die Frage nach seinem Alter unverzüglich mit einer zu hohen Zahl beantwortet und die vorsichtige Korrektur von Familienangehörigen mit der Feststellung quittiert, Nachdenken wäre ja seltsam gekommen.

Was auch seltsam kommt, ist jedenfalls der Übergang des Geburtstags vom Jubeltag zu einem von vielen austauschbaren Anlässen für gemäßigte Feierlichkeiten und gelegentlich gar zu einer Art betrüblichem Gedenktag, der sich im Laufe des Lebens vollzieht. Diesen Wandel illustriert anschaulich, dass Dutzende meiner Kommilitonen in England entsprechende Veranstaltungen auf Facebook mit dem sinngemäßen, selten euphemistisch paraphrasieren und stets ironisch überzogenen Titel Let’s get drunk off our faces so I can forget how disgustingly old I am versahen. Es ist erstaunlich, wie mancher sich vom quietschfidelen Geburtstagskind zu einem zerknirscht-geschmeichelten Pflichtfeiernden entwickelt, der sich mehr um das Einladen und Bewirten seiner Geburtstagsgäste kümmert als um sein eigenes grundloses, aber eben traditionelles Wohlbefinden.

Soll man den Kindergeburtstagsegozentrismus denn überhaupt ablegen, statt sich weiterhin beschenken und beglücken zu lassen, einfach weil man es an diesem einen Tag darf? In der Kuchenfrage bspw. habe ich darauf bestanden, ihn gemeinsam mit meiner Mutter zu backen. Das schien mir für diesmal eine schöne Lösung. Ob und wer bei irgendwelchen abendlichen Unternehmungen wen einlädt, wird sich noch zeigen. Die Lust systematisch und organisiert zu feiern statt im üblichen Maße trinken und tanzen zu gehen ist mir übrigens schon vor Jahren abhanden geraten, was auch wieder irgendwas mit dem Erwachsenwerden zu tun haben könnte, vielleicht aber auch mit meinem persönlichen Geschmack: Schließlich muss die Zielgruppe für solche abscheulichen Fernsehformate wie My Super Sweet 16 zu jener Zeit auch irgendwo in meiner Kragenweite angesetzt gewesen sein.

Was ist eigentlich mit dem beinahe kindlichen Unwillen, am eigenen Geburtstag mehr als sonst zu arbeiten? Im schulischen und universitären Kontext galt es fraglos als schwerer Schicksalsschlag, am eigenen Jubeltag eine Prüfung ablegen zu müssen; ich selbst vermag mich nicht einmal ohne zu murren auf die Fortbildung zu freuen, anstelle derer ich andernfalls an meinem Geburtstag frei gehabt hätte. Das hängt wohl mit der Feiertags- und somit Urlaubsassoziation zusammen, und vor allem auch mit der eingangs erwähnten Erwartung, es solle einem hervorragend gehen, nur weil sich das eigene Erscheinen in der Welt kalendarisch jährt. (Ähnliche Ansprüche liegen zweifelsohne auch der besonderen Häufigkeit von Familienstreitigkeiten zu Weihnachten zugrunde.)

Letzten Endes verweisen diese Überlegungen mit knöchernen Fingerzeigen auf die Tragik des Alterns: In der Jugend kann man gar nicht schnell genug erwachsen werden oder jedenfalls dafür gelten, in der Blüte des Lebens weiß man es besser und kann die Halbstarken zurechtweisen, die ja gar keine Ahnung von Verantwortung haben, und nach und nach kann man sich dann immer mehr grämen, wie viel vom eigenen Leben schon vorüber ist. Die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit allen Seins will ich aber aufschieben, bis nominell mein nächstes Lebensjahr angebrochen ist. (Übrigens ist ja überhaupt jeder Tag der erste Tag vom Rest unseres Lebens.)

Fürs Erste freue ich mich auf meinen Geburtstag. Es gibt schließlich etwas zu feiern, gleich wie insignifikant oder unsinnig dieser Anlass bei näherer oder vermeintlich objektiver Betrachtung sein mag. Jahrestage und Jubiläen sind eh nicht logisch, aber sehr sinnvoll. Außerdem gibt es Geschenke. Und Kuchen!

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