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Ich habe noch nie Zeit gehabt, sagte Findus und wusste nicht, ob er beleidigt sein sollte

18. Oktober 2011

Oh dear! Oh dear! I shall be too late! (white rabbit, Alice in Wonderland)

Vor einigen Tagen stieß ich beim längst überfälligen und somit im Sinne dieser Zeilen symptomatischen Aufräumen des Papierkriegs auf und um meinen Schreibtisch auf einige gehamsterte SZ-Magazine vom Anfang des Jahres. In einem davon entdeckte ich einen Artikel  wieder, den ich schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Juni 2011 sehr weise und erbaulich fand und der überschrieben ist mit den Worten

Zu spät! Zu spät! Zu spät! Es ist einfach zu viel, es geht alles zu schnell, die Welt dreht sich wie verrückt, wie soll man da noch mitkommen? Jeder Mensch hat heute das Gefühl, er sei mit allem ständig im Verzug. Ein Hilferuf.

Dass er mir aus der Seele sprach, brauche ich nicht extra zu explizieren, nehme ich an; im Moment, als ich ihn zum zweiten Mal las, auf einem Flug nach England nämlich, tat er es jedenfalls aufs Neue. Dabei kannte ich den Zustand des permanenten schlechten Gewissens, den die Autorin so treffend diagnostiziert, eher aus Erfahrung als ihn in dem Moment selbst zu erfahren.

(Der Moment war natürlich insofern ein besonderer, als er in der märchenhaften Zeitlosigkeit der Flugreise stattfand. Man hat ja auf Flügen und in geringerem Maße auch auf längeren Zug- und Busfahrten irgendwie immer viel mehr Zeit als jemals sonst, gerade wenn und weil Internet, Telephon und, sofern man außer demselben keine Uhr besitzt und im Flieger keine feschen kleinen Bildschirme entsprechende Daten einblenden, sogar die Uhrzeit nicht verfügbar sind. Die Hektik, die ggf. mit dem Erreichen des Anschlusses verbunden ist, wird nahtlos abgelöst von stundenlangem Warten, das eben aufgrund dessen, dass man eigentlich nichts zu tun hat als auf die Ankunft zu warten, das ideale Zeitfenster für mitgebrachte Arbeiten bildet, die man in derselben Zeit in einer weniger käseglockenartigen raumzeitlichen Umgebung kaum erledigen könnte.)

Mein Studium jedenfalls, das ich gefühlt sämtlich verprokrastiniert hatte, war zu jenem Zeitpunkt abgeschlossen; tatsächlich flog ich anlässlich der verstaubten lateinischen Verleihungszeremonie zurück, für die wir Absolventen uns zum letzten Mal in unsere Pinguinkostüme schmissen, sie diesmal allerdings unserem neuen akademischen Rang entsprechend mit längeren Ärmeln und sehr unpraktischen flauschigen Kapuzen dekorierten. Sogar die Hüte durften getragen und auch vereinzelt schüchtern geworfen werden.

Es war ein kurioses Gefühl, Oxford als Quasi-Tourist zu besuchen, die Porters um Einlass ins eigene College bitten zu müssen, im Hotel zu wohnen, bei Tesco nur hierzulande nicht erwerbliche Fudge Brownies statt Lebensmitteln zu kaufen usf. Am merkwürdigsten aber war das Fehlen dieser unterschwelligen Ahnung der Verspätung und Unzulänglichkeit. Die Stadt zu durchstreifen, die Architektur zu bestaunen, einen Tagestrip nach London zu unternehmen, essen zu gehen, einzukaufen, sogar endlich einmal für einen geringen Obulus im Einkaufszentrum die Füße für eine Viertelstunde in ein Becken voller winziger Fische zu halten, die sie eifrig kitzelnd benagten – all das ohne dieses Grundrauschen, das stetige Gewisper und Genuschel, dass ich eigentlich etwas besseres zu tun gehabt hätte. Ohne Deadlines, ohne Veranstaltungen, sogar ohne ein Postfach in der Porters’ Lodge, das zu sichten ich hätte vergessen können.

Nach meiner letzten Prüfung hatte ich schwer zu tun, mir das permanente schlechte Gewissen abzugewöhnen. (Alkohol half, wie er auch stets bei der Betäubung dieses Gewissens geholfen hatte, es waren nur zur Feier des Anlasses größere Mengen im Spiel.) Absurderweise ist es ja auch nie so recht verschwunden. Es hat sich natürlich verlagert; doch sogar in den sommerlichen Urlaubswochen blieb ein zugegeben deutlich leiseres Grundrauschen, das mir dann eben zuflüsterte, ich solle irgendwas auf- oder ausräumen, irgendwen anrufen, irgendwelche Internetpräsenzen pflegen, usw. usf. Auch mein Hang zur Prokrastination, der paradoxerweise mit dieser Unruhe einhergeht, hat sich verlagert: Weite Teile dieses Blogs z.B. habe ich in den Wochen vor und während meiner Abschlussprüfungen verfasst; nun, da ich nicht mehr ständig davon überzeugt bin, etwas Besseres zu tun zu haben, hat sich der zweiwöchige Hiatus während eines Seminars in den internetfernen Zentralalpen dahingehend verselbständigt, dass ich gut zwei Monate lang keine Zeile mehr veröffentlicht und auch kaum eine verfasst habe. Das ändert sich jetzt, wo ich eigentlich auch mal wieder etwas Besseres zu tun hätte – was alles, will ich gar nicht aufzählen.

Welche Begründungs- und Bedeutungszusammenhänge nun zwischen externem Zeit- und Leistungsdruck (den es laut manchen Zeitmanagementschlaumeiern ja gar nicht gibt), Aufschubverhalten, Perfektionismus und diesem überstilisiertem schlechtem Gewissen und Verzugsbewusstsein bestehen, ließe sich womöglich ausführlich untersuchen. Die Zeit dafür werde ich bestimmt genau dann am leichtesten aufbringen, wenn es eigentlich noch Dringlicheres zu erledigen gibt als jetzt. Im Zweifelsfall die Lektüre eines der vielen Bücher zu den Themen Prokrastination und Zeitmanagement, die jeder irgendwann mal lesen will und eigentlich schon längst hätte lesen wollen. Ach.

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