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die Unsinnigkeit der Evolution

15. August 2011

I think everything is confusing. (Jonathan Rhys Meyers)

Habe ich erwähnt, dass mich Wale faszinieren?

Da gibt es einmal dieses gigantische Tier, das noch heute vereinzelt in unseren Ozeanen anzutreffen ist. Dass ein größeres tatsächlich nie gelebt hat, war mir wohl nur deswegen bis vor kurzem kaum begreiflich, weil ich als kleines Kind von Diplodocus et al. mehr gehört habe und entsprechend einseitig von deren Monstrosität beeindruckt war, von meinem gesonderten Respekt vor ausgestorbenen fleischfressenden Bestien von der Höhe unseres Hauses ganz zu schweigen; danach bin ich zur Lektüre von Walter Moers aufgewachsen, bei dem gelegentlich Inseln zum Leben erwachen, habe also im Laufe meiner Jugend wohl ohnehin jeden realistischen Sinn für die Größe von Tieren oder zumindest beweglichen Lebewesen verloren (mit kilometerweit ausgebreiteten Pilzgewächsen, die bei Wikipedia als größte lebende Organismen verzeichnet sind, soll mir jetzt mal niemand daherkommen). Obwohl: da fällt mir auf, dass auch das gewaltigste Geschöpf im Käpt’n Blaubär ein Wal sein dürfte, der Tyrannowalfisch Rex nämlich (dessen Name aber eben auch wieder auf dinosaurierzentriert vorgeprägte Kindergemüter angelegt scheint!), dem der phantasiereiche Autor sicher einige hundert Meter Länge angedichtet hat. Ich muss das bei Gelegenheit nachlesen.

Jedenfalls halte ich es für ein unterhaltsames Exempel der Launen der Natur, dass ausgerechnet Luft atmende Säugetiere, die sich umständlich über reptilienhafte und amphibische Umwege aus Wasserlebewesen entwickelt haben, wieder ins feuchte Element zurückbegeben und darin zu den – ab einer gewissen Größe – unbesiegbaren Herrschern der Meere erhoben haben. Das, also die nicht einmal mehr den Fischen konvergente, sondern einfach völlig abstruse Entwicklung der Wale zu Wassertieren, spricht nun entweder für die heimliche Teleologie der Evolution oder gerade dagegen. Mir erschließt sich nämlich sofort, wie ein gemäßigter Kreationist hinter diesem abenteuerlichen Kapitel der Weltgeschichte einen planenden Gott vermutet, der den bepelzten Tierchen vor einigen Jahrmillionen die Idee eingeimpft hat, sie möchten sich ins kühle Nass verfügen, Flossen ausbilden und ihre Nasenlöcher in Richtung ihrer Stirn verpflanzen. Mir erschließt sich auch, wie ein weniger gemäßigter, dafür umso schmählicher beleidigter Verfechter eines solchen Glaubens der Evolutionstheorie unterstellt, sie reduziere die Schöpfung auf das Ergebnis einer Reihe von Behinderungen und Geburtsfehlern. Das Unerhörte ist ja, dass sie das tut. In einem unvorstellbaren zeitlichen Maßstab entpuppt sich nämlich das prima facie Ungesunde und Deformierte als bessere Voraussetzung für reichlich Sex und ein langes Leben. Vielleicht auch nur den Sex. Denn darin ist die Evolution schon wieder unbegreiflich: dass es nur darum geht, wer sich fortpflanzt, wessen Spezies überlebt. Leben um des Lebens willen, zum Zwecke seines eigenen abstrahierten Fortbestehens. Und eine Spezies überlebt ja gerade dadurch, dass sie sich anpasst, wie es so gern aktiv formuliert wird: indem sich nämlich innerhalb dieser Spezies eben jene Absonderlichen durchsetzen, die sich durch die Abkehr von der paläontologischen Familientradition längerfristig eigene, letztlich fremd- und andersartige Nachkommen sichern. Dass aus den bissigen, flinken Therapoden zahme, unspektakuläre Amseln, Drosseln usf. geworden sind (und dieses geworden ist auch nur in der effekthascherischen Übertreibung ehrgeiziger Biologielehrer angebracht), mag ein Beispiel sein.

Wo war ich? die Wale: Ich erliege immer der Versuchung, mir vorzustellen zu wollen, wann der erste Wal ins Wasser ging, oder wann der erste nicht mehr heraus kroch. Gab es einen ersten? Sicherlich keinen, dem von da an alle folgten. Die Evolution vollzieht sich ja nach jüngeren (also post-lamarckistischen) Erkenntnissen, soweit sie mir geläufig sind, nicht mal unter Rücksichtnahme auf das Verhalten der Generationen: Nicht diejenigen Giraffen also, die sich nach den hohen Blättern streckten, zeichnen für die heutige Länge der Hälse ihrer Nachfahren verantwortlich, sondern Abertausende zufälliger Mutationen im Erbgut derselben tumb grasenden Viecher, denen es ebendiese Vordenker zeigen wollten.

Der unvorstellbar langwierige und eben nicht absichtsvolle oder zielorientierte Prozess solcher Entwicklungen zeigt meiner Phantasie rücksichtslos ihre Grenzen auf, und droht vor allem auch meinem nietzscheschen Glauben an die kreative Kraft des Individuums zuzusetzen – oder täte es, wenn ich nicht wüsste, dass die Unnatürlichkeit und übrigens auch die Unwahrheit eines Prinzips noch kein Einwand dagegen ist. Wir sind eben keine Giraffen, und auch keine faul im seichten Wasser dümpelnden Urtiere, deren einige im Laufe der Jahrtausende Schwimmhäute aufzuweisen begannen. Nur der Mensch – oder sagen wir lieber, nur ein bewusstes Wesen vom Schlage des Menschen – ist nämlich überhaupt des intentionalen Handelns fähig und kann sich deswegen über die stumpfsinnigen Mechanismen der spontanen Mutation und der natürlichen Selektion immerhin in Teilen hinwegsetzen. – Soll er das? – Nur im Dienste des Fortschritts, will ich meinen, und der wiederum zielt letztendlich doch auch auf den Erhalt des Lebens ab – nur welchen Lebens, das ist uns ebenso wenig klar wie der personifizierten Natur, die seit Anbeginn der Zeit ihre Geschöpfe mit- und gegeneinander ums Überleben hat kämpfen lassen. Klar dürfte sein, dass Kreation und Prokreation allenthalben Genuss bereiten; Zerstörung wohl auch, insoweit sie, pace Freud, der Schaffung des Neuen dient. Allzu verkehrt kann es dann ja nicht sein, zumindest dem existentialistischen Selbstmordgedanken und der asketischen Keuschheitspredigt aus einem natürlichen, gesunden und eben auch ästhetisch und geistig wertvollen Lebenserhaltungstrieb und -wunsch heraus zu widerstehen.

Also: auf das Leben!

3 Kommentare leave one →
  1. shortstoryexchange permalink
    26. August 2011 2:18 pm

    Ich ziehe meinen Zylinder der Erkenntnis vor einer solch scharfsinnigen Auseinandersetzung mit den ewigen Pilgermärschen des homo s. und seinem Glauben daran, dass uns Wikipedia & Co. die Notwendigkeit der genetischen Informationsvermittlung nimmt, die eigene, jämmerlich begrenzte Rationalität ignorierend. Solange wir das narzistische Mosaik des evolutorischen Nonplusultra Mensch mit Blackberry und Himbeersekt heraufbeschwören und die Illusion der Legitimität einer Feierabendmentalität aufrecht zu erhalten wissen, rotieren nicht nur die Walfischzellen im Marianengraben, die gesamte Entwicklungskette vom Urknall bis Tiger Woods wird ad absurdum geführt, wenn man den philosophischen Blick vom Ross nicht mehr wagt, weil man bei allem Größenwahn zu fallen droht.

    • 26. August 2011 2:27 pm

      Ich danke meinerseits für die scharfsinnigen Worte! und für das Lächeln beim Lesen von „Blackberry und Himbeersekt“. Eine schöne Eindampfung kultureller Errungenschaften. x

Trackbacks

  1. vom Erleben und Überleben « modernisma

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