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Gespräche

12. August 2011

The kind of conversation I like is one in which you are prepared to emerge a slightly different person. (Theodore Zeldin)

Den großartigen Zeldin habe ich schon erwähnt, wenngleich auch noch nicht zitiert: Seinem Geist ist die schöne Idee der Conversation Dinners zu verdanken, jenen von der Oxford Muse Society veranstalteten Abenden also, deren Programm es ist, mit einem Fremden ins Gespräch zu kommen, über Tiefsinniges noch dazu, und sich entsprechend inspirieren, beeindrucken und zum Nachdenken anregen zu lassen. Einige Male habe ich an solchen Anlässen interessante Gespräche mit Unbekannten, deren wenige auch zu Bekanntschaften wurden, geführt und stelle rückblickend fest, dass es – vielleicht überraschenderweise – bei diesen Unterhaltungen gar nicht so sehr um den Akt der Kommunikation geht wie vielmehr um die Inhalte, die ausgetauscht werden; höflicher small talk wird nämlich, auch das ist Programm, übergangen, wohl weil die prinzipielle Bereitschaft aller Teilnehmer, mit einem Fremdem über Persönliches zu sprechen (entsprechende Themen entnimmt man dem bereitsgestellten Conversation Menu oder natürlich der eigenen Phantasie), seine soziale Funktion ersetzt oder überflüssig macht. Man übt sich also weniger in der eigenen Fertigkeit, Konversation zu machen, als vielmehr die Konversation, die der Kontext selbstverständlich macht, als Möglichkeit wahrzunehmen, einen selten intensiven und tiefgründigen Austausch vom Zaun zu brechen, ohne dass sich daraus aber eine Beziehung ergeben muss. Es geht eben wohl doch in erster Linie um die eigene Inspiration.

Das tut es natürlich bei allen anderen Arten von Kommunikation kaum, oder jedenfalls nicht vordergründig. Eigene Interessen hat man schon, auch schnödere als die eben genannte, doch anregend und erfolgreich ist ein Gespräch ja gerade dann, wenn man nicht nur auf deren Durchsetzung beharrt, sondern es zum gemeinsamen Projekt umdeutet und, wie sich ja so leicht dahinsagt, auf den anderen eingeht. Vielleicht impliziert der Ausspruch Zeldins ja auch das: Dass die wunderbarsten (und tatsächlich die meisten) Unterhaltungen keinen reinen Informationsaustausch, sondern auch den Aufbau einer Beziehungsebene beinhalten, der sich eben nicht aus den egozentrischen Zielsetzungen beider (oder aller) Beteiligten ergibt, sondern auf phantastische Weise in ihrem kommunikativen Zusammenspiel erwächst.

Vielleicht darf an der Stelle noch ein Zitat dieses weisen Mannes sein:

Conversation is a meeting of minds with different memories and habits. When minds meet, they don’t just exchange facts: they transform them, reshape them, draw different implications from them, engage in new trains of thought. Conversation doesn’t just reshuffle the cards: it creates new cards.

Heute habe ich mir anscheinend ein so komplexes Thema vorgenommen, dass ich es kaum anders zu behandeln vermag als in der Wiedergabe fremder Gedanken. Auf irgendwas will ich auch selbst hinaus – wohl auf die Erkenntnis, dass sprachlicher Austausch immer derartige Synergien mit sich bringt, dass man also nie einfach das sagen, was man meint, und im Gegenzug nebst Verständnis eine für das eigene Verständnis ideal aufbereitete Antwort erwarten kann. Denn die Botschaften, die kommuniziert werden, bestehen eh nie in reiner Information; selten gibt es überhaupt eine richtige Lesart, und gerade deswegen geht mir die klassische Logik in ihrer Fixierung auf Wahrheitswerte derart auf den Geist (sie reduziert nämlich den semantischen Inhalt einer jeden Aussage, inkl. solcher Beispiele wie Er ist ein Schuft oder Ich liebe dich, auf sog. Wahrheitsbedingungen).

Es geht, wenn man diese Erkenntnis weiter verfolgt, also auch nur in geringem Umfang darum, wer in einem Gespräch womit Recht hat, und wie er den anderen richtig verstanden hat; vielmehr lohnt es sich vielleicht, die Dynamiken der Kommunikation im Sinne von Interessen, Absichten und Feedback zu begreifen: Ob der andere verstanden hat, was man meint, lässt sich ja seinerseits nur wieder aus dessen Rückmeldung erschließen, und die wird nie in genau demselben Gewand daherkommen wie die eigene, oder sich anhand irgendwelcher verlässlichen Regeln auf genau denselben informativen Kern herunter brechen lassen. Überhaupt verkompliziert sich auch die Frage des Rechthabens, wenn man als Referenz erstens keine objektive Wahrheit postuliert, sondern von einer intersubjektiven Realität ausgeht, in der sich aus der Einigung und den gesammelten Erkenntnissen, sprich Beobachtungen und Schlussfolgerungen, eines menschlichen oder gesellschaftlichen Kollektivs erst ergibt, was eigentlich wahr oder richtig ist (gleiches gilt übrigens auch für die gerne ganz selbstverständlich für unanfechtbar gehaltene Logik), und zweitens anerkennt, dass die allermeisten Botschaften realer Kommunikation, wie bereits zweifach angedeutet, keine bloße Information enthalten und eben auch nicht einfach als wahr oder falsch charakterisiert werden können.

Und dann gibt es natürlich noch die Frage, woher man wissen soll, was man meint, ehe man hört, was man sagt.

Schließen will ich auch wieder mit fremden Worten, die eine besonders schöne Spielart der betrachteten kommunikativen Dynamiken von Intention und Ausdruck, von Meinen, Sagen und Verstehen beschreiben. Das Folgende sagte mir nämlich ein auch irgendwann früher schon mal erwähnter Liebhaber spät nachts am Telephon:

Ich habe gerade mit dir geredet, aber du hast es nicht gehört, weil ich es nicht gesagt habe.

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