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Schein und Sein

8. August 2011

Phenomenology is a mistaken movement because it’s got too many syllables. (Grahame Lock)

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zu einem früheren Zeitpunkt meiner Vorliebe für die im Zitat benannte Philosophie Ausdruck verliehen. Dasselbe stammt von einem Dozenten, den zu hören ich das schöne Privileg hatte und der damit seine Vorlesungsreihe zu Sartre eröffnete. Ich kann ihm nur rückhaltlos beipflichten: Die Phänomenologie ist eine regelrechte Offenbarung in der Philosophiegeschichte und wird m. E. trotz ihrer Beliebtheit noch entschieden zu gering geschätzt; aber ehe man sie sich auf die Fahnen schreiben kann, muss man erst einmal ihren Namen auswendig lernen, der im Englischen wie im Deutschen (vom Französischen will ich gar nicht reden) bedauerlich kompliziert auszusprechen ist – und das sage ich als erklärte Liebhaberin unnötig langer Wörter.

Nicht dass er den Kern der Sache nicht treffend skizzieren würde: das Studium der Phänomene, i.e. der Erscheinungen, nämlich und damit einhergehend die Grundeinstellung, eben die als die Realität anzuerkennen, statt nach einer dahinter verborgenen eigentlichen Wirklichkeit zu suchen. Erscheinen heißt in dem Zusammenhang eben in Erscheinung treten und nicht scheinen im Unterschied zu sein. – Da fiele mir glatt noch ein intelligenter Ausspruch ein, von Schiller, glaube ich, aber eine fremde Feder reicht wohl.

Was soll ich über die Phänomenologie schreiben?, frage ich mich jetzt, da ich damit angefangen habe. Es hängt wohl davon ab, an wen ich diese Zeilen richte: an ein philosophisch interessiertes, gebildetes, detailgieriges Publikum? an den interessierten Leser, der ohne Agenda oder Ambition über das Thema stolpert? an den Gelegenheitstiefgründigen, den der Titel dieses Eintrags auf Sinn suchende Gedanken gebracht hat?

Für heute will ich es dabei belassen, mich mit Begeisterung zur Phänomenologie zu bekennen; wer Argumente für sie haben will, dem lege ich wärmstens die Lektüre von Merleau-Ponty und Sartre ans Herz, und in Heidegger und Husserl mag der ein oder andere vielleicht auch in einem Maße hineinlesen, wie ich es zu meinem Beschämen bislang selbst nicht vermocht habe. Es geht mir ja hier nicht um eine systematische wissenschaftliche Verteidigung einer Sichtweise, die ich gerne die meine nenne (dafür werde ich Gelegenheit haben, wenn ich mich doch noch einmal in eine Universität verirre und ein umfangreiches akademisches Werk in Angriff nehme). Worum es mir stattdessen geht, vermag ich kaum zu sagen: vielleicht darum, quasi gefühlsmäßig Stellung zu beziehen, einfach eine Perspektive die meine zu nennen, ohne stringent für sie zu argumentieren. Ich weiß nicht, ob ich das darf; mein Studium hat mich gründlich gegenteilig indoktriniert. Vielleicht ist aber mein Versäumnis, mich für meine Sicht zu rechtfertigen, seinerseits begründet: in der Überzeugung nämlich, dass die Philosophie und die Suche nach Wissen überhaupt (ob nun wissenschaftlich oder sonst wie) auf einer so abstrakten Ebene wie derjenigen von Phänomenologie und Metaphysik auf Paradigmen hinausläuft, für oder wider die man gar nicht aus dem Nichts, dem view from nowhere argumentieren kann, ohne in irgendwelche zirkulären Grundannahmen zu verfallen. Wenn name-dropping gefragt ist: Kuhn hat, glaube ich, eine ziemlich brillante Definition des Paradigmenbegriffes und der Selbstbezogenheit paradigmatischer Grundüberzeugungen zu bieten, aber es ist eine Weile her, dass ich ihn gelesen habe. Meine aktuellen Überlegungen sind sicher auch vom NLP-Verständnis von beliefs mitgeprägt. Aber vielleicht gehören sie, und das ist es ja gerade, auch gar nicht weiter durch wissenschaftliche Autoritäten unterfüttert: vielleicht ist es einfach a thought to take out for a cream tea on a Sunday afternoon. (Doch wieder ein Zitat. Fry diesmal, hier etwa mittig verlinkt.) In diesem Sinne: Enjoy!

PS. In meiner Ungeduld juble ich hier schon wieder einen neuen Artikel in die Welt hinaus, ohne Kommentare zu meiner gestrigen Erkundigung gekriegt zu haben. Die sind nach wie vor ausgesprochen willkommen. x

5 Kommentare leave one →
  1. 30. Dezember 2011 1:02 pm

    Was ich als „logischer-Positivist“ dazu sagen kann, ist: Das Nichts nichtet nicht!!!

    Ich empfehle:
    * Putnam: Vernunft, Wahrheit und Geschichte, Frankfurt a. Main: Suhrkamp.
    * Müller: Jenseits. Eine metaphysische Provokation für Naturalisten.
    * Glauner: Sprache und Weltbezug. Adorno, Heidegger, Wittgenstein, Freiburg/München Alber.

    Ich zitiere:
    „Was also am Ende dieser Untersuchung aussteht, ist nicht mehr die Frage, was der Sinn und die Grenzen der Rede von ‚Sprachtranszendenz‘ ist, sondern eine Antwort auf die epistemologische Frage, warum wir nicht ohne diese Vorstellung des ‚Anderen der Sprache‘ leben können. Denn nicht nur bezeichnet sie den Umstand, daß wir in unserem sprachlich vermittelten Selbst – und Weltverständnis faktisch immer schon mit Begriffslosem konfrontiert sind, sondern sie macht darüberhinaus darauf aufmerksam, daß wir nicht ohne die Vorstellung eines in sich bestimmten Sprachtranszendenten auskommen können, weil es uns dann unmöglich wäre, beides zu denken, das „In der Sprache …“ und das „… in der Welt“ (Ibid., 285f).

    • 30. Dezember 2011 1:30 pm

      Danke für die Empfehlungen!
      Putnam kannte ich in der Epistemologie und Semantik nur als Brains-in-Vats-Externalisten mit einem Argument, dessen Relevanz (nciht Stichhaltigkeit) für alles, was er damit zu be- und widerlegen versucht, ich sehr bezweifle. Darum habe ich noch keinen Blick darauf geworfen, was er über Wahrheit zu sagen hat.
      Müller kenne ich nicht, klingt provokativ.
      Glauner kenne ich auch nicht. Lieber ihn, oder lieber die sämtlichen Herrschaften danach im Original lesen?

  2. 30. Dezember 2011 2:34 pm

    „Brains in vats“ – Matrix lässt grüßen.

    „Lieber ihn, oder lieber die sämtlichen Herrschaften danach im Original lesen?“

    Na ja, Sp.u.Wb. ist die publizierte Diss. von Glauner, von daher sind die Origionale wohl vorzuziehen. Heidegger und Adorno sind nicht mein Fall. Von Heidegger habe ich nur S.u.Z. letztlich „intensiv“ studiert. Adorno ist mir wegen „seiner“ Studie über den autoritären Charakter teilweise suspekt – was seine Genialität in anderen Bereichen und Werken nicht schmälert. Über den frühen Wittgenstein habe ich diplomiert, von daher immer zu empfehlen. Was ich auch noch empfehlen kann, ist das „Große Werklexikon der Philosophie“ in zwei Bänden, herausgegeben von Volpi, oder in der kleinen Version bei Kröner: „Lexikon der philosophischen Werke“. Die wichtigsten Werke der wichtigsten Denker werden umrissen und zusammengefasst.

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