Skip to content

Was ist schon zeitgemäß?

7. August 2011

The wish to live as intensely as possible has subjected humans to the same dilemma as the water flea, which lives 108 days at 8 degrees Centigrade, but only 26 days at 28 degrees, when its heart beats 15 million times in all. Technology has been a rapid heartbeat, compressing housework, travel, entertainment, squeezing more and more into the allotted span. Nobody expected that it would create the feeling that life moves too fast. (Theodore Zeldin)

Überhaupt finde ich ja: Die Moderne und der Modernismus bzw. die Modernismen, die manche Gelehrten so kommod diesem einen Begriff unterjubeln, gelten noch, oder wieder, jetzt, da sich nach dem Zeitalter der Weltkriege neue Stagnationen und Steigerungen einstellen. Die Jahrtausendwende haben wir hinter uns, so wie die Jahrhundertwende der gleichnamigen Epoche eigentlich den Beginn der Endzeitstimmung markiert hat, statt sie zu beschließen. Aus technischen Neuerungen, der Verlagerung des Lebens in die Virtualität (cf. Stadt – und die Urbanisierung setzt sich ja ihrerseits auch noch fort, hat mir unlängst ein regelrecht anachronistisch aufgemachter Beitrag über so genannte Megacities auf, ich glaube, 3sat versichert: Die Ansagerin, deren Rolle mich überhaupt ein wenig befremdet hat, betonte übrigens jeden englischen Begriff, einschließlich des erwartungsgemäß häufig auftauchenden Titels, mit liebreizend bemühtem Akzent), aus der Beschleunigung und Verdichtung von allem und jedem, sogar der Nachmittagsgestaltung von Grundschulkindern, schreit mir für meinen Teil die Parallele zum Gefühl der gleichzeitigen Dekadenz und Überforderung regelrecht ins Gesicht.

Unsere Künstler (an denen ich aber in Ermangelung nennenswerter Kenntnisse zeitgenössischer Literatur meine Theorie nicht aufzuhängen wage) schreiben nicht mehr von Städten und Krieg, sondern von sexuellen Perversionen und – was eigentlich? – ich lese zu wenig (– eben). Jedenfalls: den Innovationsdrang und das Gefühl, eigentlich doch gar nichts Neues oder, schlimmer, überhaupt gar nichts auszudrücken zu vermögen, das gibt es doch noch, gleich in der Behandlung welcher Themen und Motive in welchem Medium und Genre es sich niederschlägt. Das hat es zweifelsohne auch immer gegeben, aber die Jahrtausendwende, das bringt der spürbare Zeitgeist mit sich, hat ihren eigenen Jugendstil. Nur dass viele inmitten der Reizüberflutung des Web 2.0 den Ästhetizismus vergessen haben. Er hat ja zwischen lauter Statusmeldungen in serifenloser Uniform keinen Platz.

Mich haben, à propos, die technischen Einschränkungen der Blogformatierung lange beschäftigt. Diejenigen der Buchformatierung würden mich sicher regelrecht quälen, weil Verlage ja ihre eigenen Designer haben, die sicher auch ohne Pflichtlektüre ein Buch formatieren dürfen, ohnehin einem jeden Wort halt nicht dieselbe mütterliche bzw. väterliche Liebe und tiefe intime Verbundenheit wie sein Verfasser entgegen bringen und drum die Schriftart, so denke ich mir das Prozedere jedenfalls, nach Lust und Laune, nicht nach dem gefühlten Charakter des Geschriebenen auswählen. (Es sei allerdings eingeräumt, dass ich bei meinem jugendlichen Erstlingswerk, dessen Urheberschaft ich heute gerne leugne, Einspruch gegen die schreckliche Lucida oder was das war erheben konnte, und dass Walter Moers in der Stadt der Träumenden Bücher, glaube ich, in mythenmetzscher Persona auf eine besondere typgerechte Sorgfalt bei der Setzung seiner eigenen Werke anspielt.) Georgia hat immerhin Serifen und Minuskelzahlen, zwei Dinge, die ich an Schriften liebe. (Es fehlt bloß noch das kursive &, das meine grenzenlose Begeisterung entzünden würde.) Ich liebe andererseits auch einige Grotesken sowie grundsätzlich klare Linien und ausgewogen minimalistisches Design, aber es ist mit Verlaub deutlich schwerer, oder wird jedenfalls deutlich seltener vollbracht, einer Sans echte und konsequente Eleganz einzuhauchen.

Ich mag (um noch einige weitere Sätze grob unhöflich mit diesem Pronomen zu beginnen und beim egozentrischen Thema meines Geschmackes zu bleiben) altmodische, ja sog. klassische Zierde; zugleich mag ich die Klarheit, die seit den Siebzigern auch schon wieder retro sein dürfte, solange die schnörkellosen Linien sich in keiner andeutungsweise gephotoshopten Glasplatte spiegeln. (Photoshop Disasters ist ja voll von verkehrt herum gespiegelten Telephonen u. dgl., auch wenn die Blogbetreiber das wohl weniger als spitzfindig zeitkritischen Kommentar zur Praxis der geshopten Spiegelung überhaupt verstehen als ich.) Ich könnte auch die Kursivsetzung all dessen, was fremd oder technisch klingt, rückgängig machen, oder Ausdrücke wie u. dgl. m. und usf. trotz ihres charmanten Klanges ungenutzt lassen, doch form follows function: und wenn die Funktion nun einmal die ästhetische Nutzlosigkeit, das Aufgehen in der Form selbst ist, die unleugbare literarische Selbstbefriedigung eigentlich, dann folgen ihr eben Serifen, italics, unzeitgemäße Abkürzungen, geschmackliche Erläuterungen, außerdem sowieso jene überbordende Syntax und Argumentationskultur, die nach Jahren der angloamerikanischen Indoktrinierung (Be clear and concise. Define your terms. Use examples.) nun trotzig wieder aus mir hervorsprudelt, und vielleicht mehr Latein, Griechisch, Englisch und Französisch als nötig – denn nötig ist nichts. All dies ist quite useless.

One Comment leave one →

Trackbacks

  1. Lebenszeichen | modernisma

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: