Skip to content

Raubkatzentiere

14. Juli 2011

Neulich sprach ich von eingesperrten wilden Tieren. Ich meinte damit im Besonderen diejenigen, die mich seit jeher am meisten fasziniert haben: Raubkatzen. (Jedenfalls glaube ich gerne, dass sie das immer schon haben, und bin mir auch durchaus sicher, Katzen aller Arten in meiner Kindheit bis auf eine kurze Phase, in der ich gewissermaßen in trotziger Rebellion gegen Kindermärchenaberglauben Wölfe glorifizierte, meine Lieblingstiere genannt zu haben.)

Ihretwegen besuche ich mit Begeisterung zoologische Gärten. Aquarien mag ich auch, aber mehr aus dekorativen Gesichtspunkten (eines Tages will ich mein Wohnzimmer, à propos, mit Quallen statt Goldfischen schmücken; das male ich mir zumindest aus, ohne recherchiert zu haben, ob es erlaubt oder machbar ist). Aus den Bewegungen einer Großkatze aber, die hinter einem Zaun in ihrem relativ gesehen wohl taschentuchgroßen Revier umherschleicht, spricht eine einnehmende Mischung aus Gefahr und Persönlichkeit, und spricht mich an. Rilke hat sich mit seinem berühmten Dinggedicht (Ding! was fällt der Literaturkritik ein, es so einzuordnen!) schon ein bedeutungsvolles Sujet ausgesucht.

Auf die Gefahr hin, ganz furchtbar poetisch zu werden, will ich mich, wo ich schon dabei bin, meiner beiden letzten Tiergartenbesuche entsinnen:

Da gab es in Helsinki einen Leoparden, ein orientalis wohl, der halb versteckt auf einem schlichten künstlichen Baumhaus ruhte; sichtbar war über die Kante des hohen Bettes zunächst nur die geschmackvoll gemusterte Kurve seines Rückens und seiner Schulterblätter, bis wir uns schon beinah zum Gehen wandten und er sich dann doch noch entschloss, von seinem Turm herabzusteigen. Mit eleganter Gebärde glitt er über den glatten, gewundenen Baumstamm hinab, die Augen immer teilnahmslos in die Ferne gerichtet, das aparte Profil wie achtlos dem staunenden Betrachter jenseits der Zaunmaschen präsentiert, um mit derselben mühelosen Grazie seinen Weg durch das hohe Gras zu mäandern.

Dann die Löwen, die auch im gemäßigten finnischen Sommerklima lethargisch im Rudel auf ihrem Betonplateau lagen und die arroganten Blicke schweifen ließen; nur ab und an trottete eine der Damen mit starken, dabei nachlässigen Bewegungen ein Stück und ließ sich dann wieder nieder. Der Chef aber rührte sich überhaupt nicht, außer um dann und wann ein wenig nach dem Rechten zu blinzeln, und herrschte faul und träge vor sich hin.

Die Luchse, deren es eine kleine Menge gab; zwei oder drei zerfleischten bei einem unserer beiden Besuche einen Hasen, dass der Kadaver auf seine doppelte Länge auseinander gezerrt wurde und gelegentlich in hohem Bogen fort flog, andere machten sich durch das Gitter zwischen den getrennten Gehegen mit den benachbarten Artgenossen bekannt. Ihre bei hölzerner Farbe und mittlerer Größe unverhofft exotisch anmutenden bärtigen Gesichter wandten sich aufmerksam, aber mit derselben katzenhaften Indifferenz, auch uns zu; sie ließen sich öfter und dankbarer ablichten, ohne dass aber die entstandenen Bilder mit denen des außerordentlich photogenen Panthers hätten mithalten können.

In München den Schneeleoparden, der in einem von den dunklen Bauten der dortigen Tiger und Luchse umrundeten quadratischen Gehege mit eigensinnigem Ausdruck unermüdlich seinen weitläufigen Kreis zog, im dichten, gescheckten Fell, denn dort war Winter, feine weiße Flocken, und unter den pelzbeschuhten Pfoten einen Pfad im Schnee.

In Helsinki den Scheueren seiner Art, der sich nicht sehen ließ, außer über einen eigentlich unzugänglichen Zaun, zu dem wir uns durch ein Blumenbeet hinschlichen: Da lag er über seinem felsigen Abhang einsam und zufrieden unter einem Bretterverschlag und schlief.

Der sibirische Tiger in München schritt gelangweilt sein enges Reich ab, immer aus dem kleinen Garten in das nach hinten vergitterte Haus und den schmalen länglichen Raum einmal entlang, den unermüdlich spazierenden Nachbarn und überhaupt auch sonst alle keines Blickes würdigend. Es kann sein, dass er gelegentlich ein mürrisches Grummeln vernehmen ließ; überhaupt schien er der ganzen Gefängnischose überdrüssig.

Seine Entsprechung in Helsinki aber war der Inbegriff des eingesperrten Raubtieres. In einem unübersichtlichen, dabei aber von drei Seiten zugänglichen Gehege lag er bald düster drohend in seiner steinernen Höhle, tigerte bald machtvoll durchs Gesträuch, dann aber stets dicht am Gitter entlang, dass man ihm reichlich nahe zu kommen vermochte, wenn man es denn wagte. Unter dem dichten, bunten Fell war er von schwerem, kraftvollem Wuchs: mächtig, gefährlich und müde, mit unzufriedenen gelben Augen, die gemeinsam mit ihm missmutig umher strichen und die vorwitzigen Wesen jenseits der schmalen metallenen Maschen beiläufig einschüchterten. Nur er sprach seine Macht auch an: in einem urtümlich tiefen, gutturalen Knurren und Brüllen, das mich das erste Mal überraschte, als ich ihm gerade leichtsinnig den Rücken zugewandt hatte. Grollend schlich er da umher, und nur dünnes, lückenhaftes Blech trennte uns von diesem gewaltigen Raubtier.

Abschließend gebührt ehrenhalber noch einem wahrlich unerhörten Katzentier eine Erwähnung: dem Manul. Sein Name (nach meinem Dafürhalten auf der zweiten Silbe betont) ist im lautmalerischen Sinne Programm. Dieses bemerkenswerte Geschöpf entdeckten wir in Helsinki erstmals nach dem langen Suchen im Unterholz, das die artgerechte Haltung in zeitgenössischen zoologischen Anlagen so oft mit sich bringt, geradewegs durch eine Astgabel hindurch in Augenhöhe auf einem Vorsprung der Behausung dahinter: Da starrte uns mitten aus einem regungslosen Quader grauen Pelzes ein bitterböses Augenpaar an, von schwarzer Kriegsbemalung auf dem trotzigen kleinen Gesicht umrahmt, darunter ein winziges schwarzes Näschen, darüber eine einmalig breite, flache, graue Stirn und daneben große dreieckige Ohren, die seitlich vom Kopfe abstehend eine so beispiellos gerade Linie auf demselben ergaben, als habe man mit einer Schrottpresse nachgeholfen. Da saß also dieses massige kleine Bündel Fell und blickte so herzzerreißend grantig und griesgrämig, dass ich dem genialen Geiste nur beipflichten kann, der eines Tages irgendwo auf der Welt Zettel aufzuhängen begonnen hat, die nebst einem Bild dieses unglaublichen Tieres die Aufschrift trugen:

HAVE YOU SEEN THIS CAT?
BECAUSE IT IS AWESOME

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: