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Müssen denn alle Berufe vocational sein?

13. Juli 2011

(Pardon the pun.)

Vor etwa anderthalb Jahren hatte ich das unverhoffte Privileg, dem großartigen Theodore Zeldin über den Weg zu laufen. Unwahrscheinlich war es zwar nicht, er eröffnete nämlich eine Veranstaltung der – und eben das war mir damals noch unbekannt – von ihm gegründeten Oxford Muse Society, bei der ich zugegen war; ich hatte der Möglichkeit, der Club könne von einem Dozenten statt studentischen Kreativen ins Leben gerufen worden sein, noch keine große Beachtung geschenkt. Erstaunlich war vor allem aber die kleine Rede, die Zeldin, seine hoch gewachsene oder jedenfalls diesen Eindruck erweckende Gestalt durch einen Türrahmen in den Raum duckend, anlässlich des anstehenden Conversation Dinners hielt. Alle Teilnehmer desselben standen unterdessen etwas verdutzt, denn eine solche Rede gab es bei dieser Art Veranstaltung üblicherweise nicht, in den niedrigen, verwinkelten Räumen im Obergeschoss des kleinen Bio-Cafés am St. Giles und warteten darauf, zu untereinander unbekannten Pärchen gruppiert zu werden (das interessante Gespräch mit Fremden ist nämlich das Konzept dieser Abende).

Seine inspirierenden Worte betrafen die Entfremdung des modernen Menschen von seiner Arbeit, und zwar nicht so sehr im Einzelnen wie im Großen, Ganzen und Abstrakten: Immer spezieller werden die Anforderungen an Bewerber, die Aufgabenstellungen, die Fachbereiche, und immer weniger geht es darum, welche speziellen Fertigkeiten, Talente und Begeisterungen umgekehrt ein jeder Mensch mitbringt und wie diese Anlagen wiederum einzusetzen wären. Es werden also Leute für Jobs gesucht und aufgezogen statt Jobs für Leute geschaffen, und zwar keineswegs nur auf der existenziellen politischen Ebene der Arbeitslosenquote. Eigentlich müsste doch unsere Gesellschaft imstande sein, sich an den individuellen Begabungen und Ideen des Einzelnen zu orientieren, um Berufe und gerade auch persönliche Aufgabenfelder für ihn zu definieren, statt ihn seinerseits als Humankapital zu begreifen und an feststehende – und zwar nicht einmal notwendigerweise vom tatsächlichen Bedarf, sondern einfach von gängigen Vorstellungen geformte – Anforderungen anzupassen: So oder so ähnlich lautete, wenn ich mich recht entsinne – denn der eloquente Vortrag hatte einen gewissen hypnotischen Reiz, der nun auch nachträglich meine Erinnerung benebelt – der visionäre Appell, den wir überraschend zu hören bekamen. Ich vermag das natürlich nicht so beredt vorzutragen wie der große Zeldin, aber ich bin der Überzeugung, dass er recht hat mit seiner betrüblichen und doch inspirierenden Diagnose dieser Zustände.

In einem vielleicht banaleren, jedenfalls persönlichen Zusammenhang ist mir kürzlich bewusst geworden, wie arg sie oder eine Variante ihrer nicht nur auf den weltweiten, sondern insbesondere auf den deutschen Arbeitsmarkt zutrifft. In England nämlich ist, so meine Erfahrung, gängige Praxis, dass man studiert und sich dann eine Arbeit sucht, und dass abgesehen von so spezifischen Feldern wie der Medizin oder der Juristerei – doch auch da ist ein Quereinstieg mit Einschränkungen denkbar – grundsätzlich den meisten Absolventen die meisten Felder offen stehen, gerade in den Geisteswissenschaften. In Deutschland hingegen decken sich die Ergebnisse einer Google-Suche nach dem Wort Berufswahl auf den ersten paar Seiten eins zu eins mit denen des Begriffes Studienwahl, was mich vor nicht allzu langer Zeit eines Nachts in tiefe Verzweiflung gestürzt hat: Seinen Interessen, Begabungen und ungefähren Karriereperspektiven gemäß zu studieren und sich erst anschließend im Detail der Berufswahl zu widmen, wie es mir eigentlich folgerichtig erscheint, ist im Muster-, ja sogar im durchschnittlichen Lebenslauf eines Deutschen anscheinend nicht denkbar. Jedes dreimonatige Praktikum in einer Branche, die in England Absolventen der Chemie, Archäologie und Politikwissenschaft gleichermaßen willkommen heißt, verlangt hier ausdrücklich einen einschlägigen Studiengang: im Zweifelsfall Betriebswirtschaftslehre oder Kommunikationswissenschaft, und natürlich auch mit passendem Studienschwerpunkt. Als Geisteswissenschaftler, der sein Studium zügig hinter sich gebracht hat, darf man seine Karriere anscheinend – wie widersprüchlich – zunächst schon deswegen in den Wind schreiben, weil einem einerseits die praktischen Pflichtpraktika praktischer Studiengänge abgehen, andererseits die Zeit fehlte, zusätzlich zum Studium dieses Versäumnis aufzuholen, und zuletzt natürlich die Arbeitserfahrung zu kurz gekommen ist, die wiederum für jedes Praktikum vom oben genannten Umfang und Anspruch ein dringendes Erfordernis oder jedenfalls die vielzitierte Abrundung des idealen Bewerberprofils darstellt.

So verbittert wie in unmittelbarer Reaktion auf diese Erkenntnis bin ich mittlerweile dankenswerterweise nicht mehr. Wie der Teufelskreis der sich gegenseitig voraussetzenden Berufserfahrungen zu durchbrechen ist, gedenke ich bald herauszufinden – ich hoffe ihn nicht zur Spirale umdeuten zu müssen, in die der hoffnungsfrohe Karrierist nur ganz unten eintreten darf. Es wird sich zeigen.

Diesmal schließe statt eröffne ich meine Ausführungen mit einem Zitat:

Ich habe mich bestrebt, eine Empfindung zu schildern, die mich oft genug gequält hat; ich räche mich an ihr, indem ich sie der Öffentlichkeit preisgebe. (Friedrich Nietzsche)

À propos: Teilt denn jemand meine Geisteswissenschaftlerfrustrationen? Solidarische Lautgebungen sind mehr als willkommen!

2 Kommentare leave one →
  1. 12. August 2011 1:14 pm

    *teil* Dann melde ich mich mal zu Wort, nachdem ich über Herrn Silberstreifs Restebloggen hierhergekommen bin und mich ein bisschen umgeschaut habe: noch während des Herumtreibens in diversen geistes- und gesellschaftswisssenschaftlichen Disziplinen bin ich ebenfalls angesichts der sinnlos spezifischen Berufsbeschreibungen (auch für Geisteswissenschaftler, wohlgemerkt) etwas verzweifelt und habe schließlich in ein Fach gewechselt, von dem aus man, zumindest hierzulande, in alle möglichen Richtungen quereinsteigen kann, weil aus irgendeinem Grund Juristen gefühlt lieber eingestellt werden als noch so gute Philologen etc. Was ich tendenziell paradox finde, andererseits bin ich in der glücklichen Lage, am Jurastudium sowohl einigermaßen Gefallen als auch Perspektiven zu finden, allerdings ist das sicher nicht für jeden eine Option. Vielleicht liegt´s einfach am Arbeitskräfteüberschuss, dass die Unternehmen meinen, sich ein Idealprofil ausdenken zu können, um sich nicht mit der Frage herumschlagen zu müssen, ob vielleicht auch ein Nicht-Betriebswirt diese oder jene Arbeit genausogut machen könnte und wie man das herausfindet. Dann drücke ich dir mal die Daumen, auf dass deine Spiralumdeutung graue Theorie bleiben möge.

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