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Geist und Leben

10. Juli 2011

Style always wins out in the end. (Cecil in Velvet Goldmine)

History repeats itself, wird vielfach unterstellt – das mag sein, aber ich finde es noch viel interessanter, wenn die Literaturgeschichte es tut: sich wiederholen nämlich, dieselben Thematiken und Gedanken immer wieder aufgreifen, ohne sich vielleicht des Aufgreifens so ganz bewusst zu sein. Es hat ja bis zur Woche vor meinen (Literatur-)Abschlussprüfungen gedauert, ehe mir vollends bewusst wurde, wie ähnlich die Romantik der Dichtung des Fin de Siècle in ihren jeweiligen Motiven und Motivationen ist; geschenkt, die ästhetizistische Arroganz unterscheidet sich von der Begeisterung für das Primitive an Märchen und Volksliedern, aber das zentrale Projekt dessen, in der Betrachtung der Natur, der Welt, des Lebens und überhaupt allem die eigene Subjektivität wieder zu finden, das psychologische Interesse am Individuum, die Fragmentarisierung von eigentlich allem, – überhaupt der Reiz des Fragmentarischen –, die absichtliche experimentelle Durchbrechung von Genregrenzen, erzählerischer reliability, zeitlicher Kongruenz, der aristotelischen dramatischen Einheiten usw. usf.: All das spiegelt sich und findet sich in beiden Epochen; die Realisten zwischendrin haben es nur irgendwie vergessen, scheint’s (die Klassizisten u. a. lassen wir jetzt mal).

Die andere Parallele, die mich in ihren Bann zieht, liegt im Begriff des Lebens, der Vitalität, der Gesundheit oder was auch immer als Gegenteil des Geistigen, Künstlerischen, Sensiblen, des Irrsinns und der Dekadenz. Dergleichen findet sich, oder finde ich (ich mag Zusammenhänge, und auch wenn hier keiner intendiert wurde, gibt es ihn ja doch, wenn ihn nur einer findet), bei Mann, Wilde, Rilke, Musil, Fry usw. usf. Das gefällt mir; vor allem gefällt mir, dass sich die Autoren allzu gerne auf die Seite des angeblich Ungesunden schlagen, aber mir gefällt auch die auf den ersten Blick umgekehrte Sicht bei Nietzsche, die die Bejahung des Lebens über die asketische Geistigkeit stellt: Aber hier ist es der sokratische Rationalismus, dem das Leben entgegengesetzt wird, der anderswo gerne seinerseits gesund heißt.

All das zielt also auf die schöne schöngeistige Einstellung, die Welt als ästhetisches Phänomen zu begreifen, im Falle junger musilscher und rilkescher Protagonisten infolge dessen unverstanden und/ oder einsam zu werden und/ oder zu bleiben, eine angenehme Distanz zum bios praktikos und vielleicht auch der praktischen Philosophie zu gewinnen und in dekadentem Ästhetizismus über dem Mittelmaß der gesunden Lebenswelt der vielzitierten polloi zu schweben, nur um in gelegentlichen interessierten Abstechern umso feiner und faszinierter beobachten zu können, was sich da tut. Das schildert der erhabene Schöngeist dann entweder mit ehrlicher Sehn- und Eifersucht, nicht selten auch erotischer Begierde, oder aber mit feinsinnigem, ironischem Spott, der seinerseits kaum mehr als den Neid kaschiert. Ich selbst versuche, vielleicht im Sinne Nietzsches, jedenfalls ehrgeizig wie eh und je, zwischen den beiden wie die grimmsche kluge Bauerntochter durchs Leben zu reisen, mit einer Zehe auf der Kante von Weg und Abwegen schleifend und so den Kontakt sowohl zur gesunden Welt als auch zu höheren Sphären ganz ohne eigentliche Bodenständigkeit zu erhalten. Es taugt.

Ähnlich halte ich es wohl mit der Philosophie, wo in der Phänomenologie m. E. einzig sinnvoll persönliches Erleben und abstraktes Denken zusammenfinden. Und ich frage mich, Warum ist die Welt nicht schon früher daraufgekommen? Warum krebst der kartesische Dualismus immer noch durch die okzidentale Geistesgeschichte? warum werden Studenten an Eliteuniversitäten (Anstalten also, die sich traditionell mit diesem Prädikat schmücken, so diskutabel es seinerseits sein mag) mit snobistischer Selbstverständlichkeit vor die Frage gestellt, wie sich das dreiste, einfach bloß vernünftige Prinzip der Induktion der heiligen Logik gegenüber rechtfertigen und eine eigene wissenschaftliche Existenzberechtigung beanspruchen könne? warum müssen Schüler noch solche Auswüchse des sog. Realismus wie Effi Briest lesen, statt wirkliche Kunst, gerne auch welche um der Kunst willen, verfüttert zu bekommen – doch ich werde polemisch: Ich werde den Fragenkatalog hier abreißen lassen und für den Moment auch die Überlegung, Überholtes (oder was man dafür halten mag) habe doch auch seinen Wert, nicht weiter verfolgen. (Nur so viel sei gesagt: Ich mag vergangene Epochen, und ich mag es insbesondere, geistesgeschichtliche Entwicklungen nachzuvollziehen bzw. ungeniert in faktisch unabhängige Texte und Gedanken hineinzulesen. Ich mag nur einfach Fontane nicht, Gott hab ihn selig, und das ist wohl eine persönliche Angelegenheit.)

Meinungen und Gegenmeinungen zu meinen groben, sprunghaften Ausführungen, liebe Leserschaft? bitte!

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