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Urwälder

9. Juli 2011

Gondwana fasziniert mich. Laurasien, Pangæa, Rodinien und wie sich nicht alle heißen schon auch, aber der Name Gondwana hat es mir zufällig am meisten angetan.

Die bloße Idee einer urzeitlich-urtümlichen Landschaft jedenfalls, deren geologische Erinnerung heimlich unter uns fortbesteht, erfüllt mich jedes Mal, wenn er mir in den Sinn kommt, mit tiefer Ehrfurcht, wie sie dutzendmeterhohe Viecher, die einander vor ein paar Millionen Jahren aufgefressen haben, kaum erzeugen können, auch wenn die seither den beliebteren Fokus der Erforschung vorzeitlicher Zustände zu bilden scheinen. Beeindruckend mag der Gedanke an monströse Megafauna sein, auch die Überlegung, dass ihre Körperstruktur sich noch in der niedlichsten Blaumeise unserer Zeit wiederfindet; aber Sehnsucht und Verbundenheit vermag er jedenfalls mich nicht, oder nicht so, spüren zu lassen. Einem Dinosaurier möchte ich, auch wenn mich ihre Darstellung in Kunst und Wissenschaft bisweilen begeistert (Walking With! – aber mich begeistern ja eigentlich alle BBC-Naturdokumentationen), nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen: Die Motivation hinter Jurassic Park (also dem eigentlichen Park, nicht Buch und Film) ist mir also, wenn auch sozusagen begreiflich, wenig nachvollziehbar. Die landschaftliche Erdgeschichte aber hat es mir auf einer beinahe mystischen Ebene angetan, und einen Hang zur Mystik kann ich bei meiner Person eigentlich grundsätzlich mit Nachdruck abstreiten. (Außerdem freut mich einfach, dass Europa einst wohl ein tropischer Archipel war.)

Mit einem Freund und späteren Liebhaber habe ich einmal auf einer Wanderung in den Dolomiten ein kleines Gespräch geführt, das in der jahrelang gültigen Feststellung mündete, ihn interessiere grundsätzlich eher Flora, mich Fauna. Ich glaube, der Anlass war, dass er einmal oder mehrfach die anscheinend bemerkenswerte Bemoosung irgendwelcher Steine nahe der Baumgrenze kommentierte. Wenn ich (mit demselben bitteren Ernst, den wir damals empfanden, das versteht sich) an diese Episode zurückdenke, will ich revidieren: Mich interessieren Landschaften, Eindrücke und Leben. Moos, das gebe ich gerne zu, ist mir einfach zu unaufregend. Die zerklüfteten Felsen um uns hingegen hatten mir an jenem Tag durchaus imponiert, und die gefühlte Erinnerung an die wilden Weiten des sprichwörtlichen Urwaldes hat das eben auch. Überhaupt: kaum auszumalen, welche Landschaft der Zivilisation vorausgegangen sein muss. Allerdings sind Straßen, Felder, Städte, Zäune und Strommasten aus der Weltgeschichte vielleicht auch nicht schwerer wegzudenken als Scheiben, Gitter und Stäbe vor wilden Tieren.

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  1. to wonder « modernisma

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