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Sein, wer man ist

9. Juli 2011

Konzepte von Moderne und Modernismus, die Genüsse und Qualen des modernen Lebens und Zeitgeister überhaupt beschäftigen mich oft. Vieles daran ist so herrlich ambivalent, kreuz und quer anachronistisch und sonst wie faszinierend. Also darf, soll und wird sich Modernistisches implizit wie explizit durch mein Schreiben ziehen und gibt der Chose hier ja auch ihren Namen.

Meine etwas größenwahnsinnige Absicht ist es eigentlich, in diesen Zeilen den Geist des Fin de Siècle oder vielmehr mein idiosynkratisch verklärtes Verständnis desselben in die Moderne – also unsere Moderne, das viel zitierte digitale Zeitalter nämlich – zu transportieren. Und mich, wie ich es oft getan habe, auf die neue Dekadenz dieser Ära zu besinnen, die einerseits derjenigen des Modernismus ihren Status als Moderne streitig macht, andererseits nach Ansicht einiger schon die Postmoderne hinter sich gelassen hat. Darauf (und ich entschuldige mich schon jetzt für die Bitterkeit des Bildes unserer Zeit, dass zu skizzieren ich hier ansetze – ich werde diese zynischen Tendenzen bei Zeiten einstellen, im Moment aber geben sie mir zu denken und dürfen beim geneigten Leser, wenn denn dergestalt geneigt, gern Ähnliches bewirken), dass man sich heutzutage überhaupt selten besinnt, außer nach Vorschrift der personifizierten Lebensweisheit, die einem Positive Psychologie, Selbstverwirklichung und Work-Life Balance predigt. Es sind fabelhafte Konzepte, die diese Phrasen verklausulieren. Nur ihre Phrasenhaftigkeit finde ich betrüblich – wenn nicht gar, um in meiner eigenen Diktion in seinerseits fast schon abgehalftertes gesellschaftskritisches Vokabular zu verfallen, symptomatisch.

Selbstverwirklichung! diese bedauernswert abgedroschene Phrase, die doch eigentlich so wunderbar das Echo des vielzitierten Werde, der du bist heraufbeschwört (es wird schon von Nietzsche sein, aber 17 300 000 Ergebnisse auf Google verschleiern die Quelle erheblich: Goethe, meinte mein Vater mal, Ich, meinen ohne Zweifel Dutzende von selbsternannten Gurus und megalomanen Selbsthilfeautoren), und einem doch nur noch einen Imperativ auf Selbsterkenntnis, Achtsamkeit und Glück entgegen schreit, dass man die zarten inspirierenden Untertöne der eigentlichen Maxime kaum noch hört. Der Existentialismus (den ich für meinen Teil ja gerne in protophänomenologischer Maskierung auch Nietzsche zuschreibe) hat erstaunliche und erfreuliche Kreise gezogen in dieser zeitgenössischen Überzeugung, jeder sei seines Glückes Schmied, eigenverantwortlich und einzigartig usf., und dabei vermengt sich die allgegenwärtige Propaganda des Selbst und seiner so genannten Verwirklichung doch wieder zu einem solchen Unindividualismus, dass es fast paradox ist. Und je merklicher die Erkenntnis, dass der Wunsch oder vielmehr der Befehl, glücklich zu sein, seiner Realisierung entgegenwirken kann, durchsickert, umso öfter wird einem wiederum angeordnet, man habe den Wunsch hintan zu stellen und sich auf irgendwas anderes, z.B. eine Sinn stiftende Lebensaufgabe oder so genannte meaningful relationships zu konzentrieren – aber dann würde man es schon, also glücklich, früher oder später.

Wenn man es dann nicht merkt, hat man zwar Pech, aber immerhin alles richtig gemacht.

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