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Unfertige Geschichten

8. Juli 2011

A pleasant memory and beautiful scenery. There are a lot of unforgettable things in everyday life. / I write an important thing, and do not let’s finish. A way of writing for freedom. (auf dem Cover eines sog. Mini Size Notebook von cubix by w.c.p. aus Japan, nebst dem Portrait eines putzigen sich putzenden Kätzchens)

Ich wusste, dass ich autobiographisch schreiben wollte; nur wie autobiographisch, war mir nicht klar. Wovon soll ich denn schreiben?, fragte ich mich. Was habe ich schon erlebt? – Mein Leben, wäre eine naheliegende und eigentlich erfreulich tiefsinnige Antwort. – Hat mein Leben den Stoff enthalten, aus dem Romane sind? – Ja und nein, jedenfalls in keiner nennenswerten Kohärenz; überhaupt ist künstlerische Kohärenz meine Sache nicht, dafür habe ich die fragmentarischen Gemüter meiner liebsten literarischen Epochen zu gern. Poesie, also Lyrik, also Gedichte, habe ich auch nie endgültig für mich entdeckt, wenn ich auch gelegentlich eine Begeisterung für einzelne Werke entwickle. Fragmente aber hatten es mir immer schon angetan, seit ich schreiben konnte sogar, auch wenn ich damals glaubte, Geschichten zu beginnen: in Wahrheit waren es immer fragmentarische Geschichten, ein Anfang, eine Idee, eine Beziehung, eine Thematik, einmal aufgeschrieben oder auch nur gedacht und schon erschöpft, oder jedenfalls hatte die Unfertige Geschichte, so hießen sie nämlich – es gab eine Schublade davon, und fast alle bestanden aus säuberlich zu kleinen Broschüren gehefteten Blättern Kopierpapier, derer die meisten in völliger Leere ihre nutzlose Potentialität entfalten durften, während die jeweils ersten gewissenhaft mit Überschriften, Illustrationen und einigen einleitenden Zeilen versehen waren – das Interesse und die Schaffenskraft der vierjährigen Künstlerin erschöpft.

Ich malte mit bunten Filzschreibern, nur für die Konturen von Augen wollte ich immer einen Bleistift verwenden. Hunderte blinder Figuren landeten mit ihren unfertigen Geschichten in ihrer Schublade, weil meine Aufmerksamkeitsspanne nicht für eine zweite, ordentlich mit Bleistift gerüstete Sitzung zur Überarbeitung und Vollendung der Illustrationen gereicht hatte. Vielleicht dachte ich auch, der Bleistift lohne sich erst, wenn die jeweilige Geschichte fertig wäre; das kann nicht oft passiert sein: Ich erinnre mich nur an die große, tiefe Schublade mit der Aufschrift Unfertige Geschichten.

Das Leben besteht aus unfertigen Geschichten. Wann immer ich halbherzig Romanhandlungen erdenke – oft ist es die Beziehung zweier Protagonisten oder die Leiden und Freuden eines einzelnen – finden sie kein Ende. Erlebnisse finden ihre Zeitlichkeit eben nur in Bezug auf das Leben dessen, der sie erlebt: sie haben keine innere Logik, sie haben kein Ende. Nicht, wenn ihnen keine künstlerische Intention Inhalt und Struktur gibt. Und die Strukturen, in denen ich denke und schreibe, sind Beziehungen und Erlebnisse, nicht Inhalte und Logiken.

Meine liebsten Bücher sind gleichermaßen schmale Bände und mächtige Folianten. Ich kann bis zum heutigen Tage, auch nach einem Studium der deutschen Literatur, nicht quer lesen: Ich bleibe hängen an Formulierungen, Sätzen, Zeilen, Worten.

4 Kommentare leave one →
  1. 11. August 2011 5:26 pm

    Ich bin zwar ganz anders, aber trotzdem geht es mir teilweise ganz ähnlich. Ich könnte jeden Tag vier neue Romane anfangen, aber das Zuendeschreiben, das ist schwer. Wenn ich mich auf dem Markt so umsehe, drängt sich mir das Gefühl auf, dass das nicht nur an mir liegt.
    Immerhin.
    (Für mich kann ich allerdings sagen, dass es sich durchaus emotional auszahlt, sich zu zwingen, auch mal was zu Ende zu schreiben. Ob es dir auch so ginge, lässt sich daraus natürlich nicht schließen.)

    • 11. August 2011 5:44 pm

      Bei deinen einleitenden Schilderungen zu Flirting with Darkness hab ich mir auch gedacht, dass es da vielleicht Ähnlichkeiten gibt. Der Hauptunterschied zu mir, also meinem heutigen Selbst, ist wohl, dass ich eh keine Ideen mehr habe. Also fiktive. Meine Motivation und Ausdauer zu schreiben ist heute sogar ausgeprägter.
      Vielleicht sind’s auch die Ansprüche: als Kind durfte ich mir beliebig viele beliebig unsinnige Geschichten ausdenken, aber wenn ich jetzt was Literarisches fabriziere, dann muss es preisverdächtig sein, damit ich überhaupt wage das Projekt zu verfolgen.
      Gilt, wie gesagt, nicht für non-fiction, sonst müsste ich mich ja auf dieser Plattform auch in Schweigen hüllen.
      Wenn ich’s recht bedenke: Eigentlich sollte ich es mal mit Ghostwriting versuchen!

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