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beeindruckende Eindrücke

11. April 2012

Von den letzten drei Tagen in Tokyo erzähle ich verspätet, weil ich nach meiner Rückkunft zunächst noch meinen Japankater (gefleckt, mit winkender Pfote und Glöckchen) überwinden musste und mich dabei erneut von meinem Biorhythmus, der sich auch zur Bewältigung des umgekehrten Jetlags für ein von der vorherigen Schlafdauer völlig unabhängiges Aufwachen morgens um fünf entschieden hat, überraschen ließ; sie selbst, also die letzten Tage, waren derart dicht bepackt mit bemerkenswerten Erlebnissen, dass sich das Sortieren der Erinnerungen nicht ganz leicht gestaltet, der Abschied und Abschluss dieses schönen Urlaubes aber umso mehr: Wir waren schlicht derart gesättigt mit herrlichen Erfahrungen, dass wir gar keine weiteren mehr verkraftet hätten. Den Kirschblütenentzug erleichtern außerdem die Pflaumen, die hierzulande sprießen, eine sogar geradewegs vor meinem Fenster im Garten; die Anwesenheit einer ausnehmend flauschigen Katze sowie meines Bruderherzes tun außerdem das jeweils Ihrige, mir die Ankunft zu versüßen.

Aber lasst mich versuchen, im Geiste zusammenzukriegen, was denn nun noch alles passiert ist, seit ich unsere kulinarischen Exzesse mit dem Professorenfreund schilderte. So kamen wir bspw. erneut in den Genuss luxuriöser japanischer Küche, oder wären es zumindest, wenn ich nicht an jenem Abend (Freitag war’s) eine zauberhafte Bekanntschaft gemacht und das Auf- und Abtragen der zahllosen exquisiten Gänge vor lauter Begeisterung und Gesprächsvertieftheit beinahe vollständig versäumt hätte. Der englische Wortschatz dieser lieben neuen Freundin beträgt etwas das Doppelte meines japanischen, was bedeutet, dass wir weite Teile unseres angeregten Austausches unter reichlichem Lachen mit Händen und Füßen, Stift und Papier, verschiedenen mehr oder minder artikulierten Ah- und Oh-Lauten sowie den Vokabeln daisuki, kawaii, sugoi und Facebook bestritten. Es stellte sich heraus, dass sie einen deutschen Schwager hat, was ein Wiedersehen in hiesigen Gefilden durchaus wahrscheinlich macht und uns beide vor Vergnügen quasi Purzelbäume schlagen ließ. Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag zur Feier von O-Hanami im Yoyogi-Park, von der noch die Rede sein wird.

Zunächst aber, am Samstag nämlich, quälten wir uns in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und nach Shinjuku (auch von der Aussprache dieses Ortes wird noch die Rede sein, aber um des guten Geschmacks willen nur am Rande, und überhaupt vielleicht lieber in einem lang überfälligen neuen Eintrag in eine irgendwann mal oberflächlich begonnene Aufzeichnungsreihe von Grievances), bewaffneten uns proviantshalber mit den besten Süßigkeiten der Welt und brachen vermittels einer zweistündigen Busfahrt auf nach Kawaguchiko.

Jetzt könnte ich vielleicht den Unkundigen unter den geneigten Lesern erklären, was Ko heißt und wie viel Go sind und was dementsprechend die Fuji Go Ko sind; vielleicht sprechen aber eine Handvoll Bilder besser, die eh genauso überfällig sind wie dieser Eintrag.

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everything in moderation, including moderation

5. April 2012

 

Tokyo eine große Stadt zu nennen, reicht nicht im Mindesten. So viel sagt ja schon der Name, wenn ich mich recht an die Übersetzung erinnre. Immens kommt der Sache schon näher, oder gewaltig. Sich in diesem Gigant zurechtzufinden, ist ein Kunststück, das mir gelegentlich mit mehr Glück als Verstand gelingt (nur in Metrostationen vermag ich mich, vielleicht der Übung wegen, in der Regel durchaus rasch zu orientieren), meistens aber taumle ich tendenziell verwirrt und verirrt durch die unüberschaubaren Häuserschluchten; so gestaltete sich auch heute die Heimkehr nach einem mehrstündigen Alleingang, der in Sachen Kraftaufwand mehr einem Marathon denn einem Stadtbummel glich, etwas labyrinthisch. Kaum hatte mich die Bahn in Hamamatsucho ausgespuckt und ich den richtigen Ausgang gefunden, setzt meine Erinnerung ein paar Straßen weit aus; ich wartete auf die Ladenfronten und Straßenzüge, die ich mir auf dieser eigentlich vertrauten Strecke eingeprägt hatte, wurde stattdessen aber nur von immer neuen Ansichten dieses doch eigentlich winzigen Viertels überrascht. Es kostete mich eine Rückkehr zum Bahnhof, einen Umweg über die Hauptstraße, hunderte Blicke zu den überirdischen Bahnschienen sowie zum Tokyo Tower, die man leider beide nicht nur vom Hotel, sondern anscheinend von überall zu beiden Seiten sieht, und zahllose Flüche im Flüsterton, bis ich schließlich völlig unvermittelt hinter einer Kurve das Hotel erblickte und darüber eigentlich fassungsloser war als über meine desorientierten Streifzüge zuvor.

So bin ich also schmerzenden Fußes, aber wohlbehalten heimgekehrt, fühle mich so fertig, wie ich eh den ganzen Tag ausgesehen haben muss (was so ein blaues Auge ausmacht!), und schmeiße mich nun noch in einen meiner neuen Einkäufe, ehe ich mich der Reihe nach zum Abendessen, ins Onsen-Bad (das klingt aber komisch. Dabei ist es doch gar keine Doppelung, denn Sen heißt meines Wissens Quelle) und schließlich ins Bett schleppen werde: schöne Aussichten.

In einem der Kaufhäuser auf der Ginza einzukaufen, ist eine bemerkenswerte Erfahrung, die wundervolle und beängstigende Momente in sich vereint. (Allein heute habe ich es durch OIOI, Matsuya, Matsuzakaya, Mitsukoshi, Printemps und Nishi geschafft, was vielleicht meine oben skizzierte Erschöpfung erklärt.) Im Laufe meines kurzen Lebens habe ich mir ja bereits einen pokerfaceartig eingefrorenen Gesichtsausdruck antrainiert, der immer dann automatisch einrastet, wenn ich nichtsahnend nach dem Preis einer Klamotte sehe und derselbige sowohl meine Erwartungen als auch meine finanziellen Möglichkeiten um ein Vielfaches übersteigt: eine Art nonchalant-blasierten Desinteresses, mit dem sorgsam verbissenen Anflug eines geschmerzten Lächelns. Den habe ich heute oft gebraucht, bspw. als ich den ersten Stock des Matsuya durchquerte, der fast schon dazu gedacht scheint, das Fußvolk vom Betreten der oberen Stockwerke abzuschrecken und beim Anblick der aneinandergereihten Boutiquen namhafter europäischer Marken hochkant in die Flucht zu schlagen. Ich war ausgesprochen erleichtert, nach einer weiteren Rolltreppe wenigstens wieder Kleider auf Stangen statt auf Puppen zu erblicken, und zwar jeweils mehr als zwei auf einmal, sonderlich bezahlbar wurde es aber leider kaum noch. Dementsprechend zwiespältig war der übersprudelnde Beratungseifer der Verkäuferinnen, sobald ich es wagte, den Ärmel eines seidenen Hauchs von Nichts mit den Fingerspitzen zu streifen, insbesondere da mein Japanisch nicht zum höflichen Abwimmeln reichte und ich mich mit Gesten vorsichtig zurückhielt.

Wenn man aber zur Abwechslung mal nicht vom quälenden Bewusstsein der eigenen Insuffizienz übermannt wird, wird die Aufmerksamkeit der übrigens auch hier in den höchsten Tönen flötenden und näselnden Damen in jedem Laden zur ausgesprochen erfreulichen Angelegenheit. Gerade die verlegenen zweisprachigen Kommunikationsversuche gestalten sich dann sehr nett, und wenn man sich schließlich zu einem Kauf durchringt, nehmen die Freundlichkeitsüberschüttungen gar kein Ende mehr. Für den Rock, den ich nach wie vor gleich anzulegen plane, habe ich zwei Anläufe und zwischendurch Bedenkzeit gebraucht, weswegen ich sogar in den Genuss zweier Verkäuferinnen kam. Mit beiden gab es redselige Diskussionen über Schnitt, Passform, Farbgestaltung usw. auf Japanisch und Englisch mit einer winzigen, aber dafür umso erfreulicheren Schnittmenge des gegenseitigen Verständnisses; wir einigten uns schließlich darauf, dass das Teil very cute bzw. totemo kawaii sei, batenvieltausendmal um Verzeihung für unsere jeweilige sprachliche Imkompetenz und übertrafen die Zahl der Entschuldigungen nur noch durch Dankesbekundungen. Am Ende wurde mir sogar meine Tüte noch bis zur Tür nachgetragen, was mich vor lauter Begeisterung und Verlegenheit beinahe vergehen ließ.

Verständigungsversuche sind überhaupt etwas Schönes: Vor einigen Tagen haben wir zusammen mit einer japanischen Bekannten, die Englisch an der Universität lehrt und dementsprechend vor einem sehr putzigen Akzent (Oh, reary?) einmal abgesehen perfekt beherrscht, und ihrer Mutter, die kein Wort irgendeiner mir einigermaßen bekannten Sprache spricht, einen Ausflug nach Amanohashidate gemacht. Die alte Dame ist ganz zauberhaft, klein und zierlich und ausgesprochen mitteilsam. (Sie erinnerte mich ein klein wenig an die ebenfalls winzige russische Großtante meines Freundes, die mich beim Ballettbesuch in Moskau auf die Toilette begleitete und unaufhörlich auf mich einredete, allerdings ohne die Übergriffigkeit, die mir bei jenem Anlass zuteilwurde, und dafür mit deutlich mehr Charme.) Als wir einige Minuten allein miteinander auf einer Parkbank saßen, schafften wir es tatsächlich ein Gespräch zu führen, in dem ich mit meinen paar Brocken Hauruckjapanisch immerhin imstande war zu erklären, wo ich studiert hatte und wie lange und warum mein Englisch dementsprechend nicht so bestürzend schlecht sei wie mein Japanisch. Wir waren beide ganz begeistert.

Der liebe Freund der Familie (seines Zeichens Professor und der arroganteste, aber auch charismatischste Japaner, den ich kenne), der uns gestern in den obersten Stock des Daimaru am Hauptbahnhof einlud, bestand wiederum darauf, dass wir all unsere Japanischkenntnisse, die sich in meinem Fall wie gesagt auf eine kümmerliche Handvoll Floskeln belaufen, eifrig anbrächten; wir hatten reichlich Gelegenheit zu üben, indem wir uns eine ganze Flasche Sake (der einzig wahre Sake, wie er meinte, nämlich Daiginjo) aus immer wieder aufgefüllten winzigen Gläschen, die wir uns vorher sogar selber aussuchen durften, nach und nach hinter die Binde gossen. Der Schnaps machte den Abend und auch unseren Gastgeber ausgesprochen unterhaltsam, begleitete ein Essen von unbeschreiblicher Delikatesse und wurde gefolgt von einem Obstgang und zwei Erdbeer-Basilikum-Martinis, was, wie ich meine, so ziemlich den Gipfel des irdisch möglichen Genusses darstellt. Leben wie Gott in Japan, sollte es heißen, das tun wir nämlich so was von.

In diesem Sinne stürze ich mich nun, da ich mich wieder einigermaßen rühren kann und meine Fußsohlen allmählich an Taubheit verlieren, endlich auf das japanisch-italienische Abendbuffet im Erdgeschoss und entschuldige mich für den Mangel an photographischer Evidenz, den ich vielleicht bei Gelegenheit noch ausgleiche. Ich hoffe sehr, dass die kulinarischen Anschaulichkeiten es wett machen.

 

Glück und Leid

3. April 2012

Wenn es hier nicht abgesehen von verschiedenen Gebrechen, derer mich eines nach den anderen heimsucht, so schön wäre, würde ich sagen, dieses Land hat sich gegen mich verschworen: Kaum verkrümelt sich meine Erkältung, hole ich mir erstens eine gefühlte mittlere Gehirnerschütterung am Autotürrahmen des ersten Tokyoter Taxis, in das ich steige, und bekomme zweitens von einem ungeschlachten Zeitgenossen, der mir in der Stadt entgegenkam und, indem er gegen den um uns tobenden Sturm und Regen anrannte, seinen Schirm beinahe waagerecht vor sich herschob, die Spitze desselbigen ins rechte Auge. Der Schuft hat sich nicht mal umgewandt und sich nach meinem Befinden erkundigt, was nicht nur eines Japaners höchst unwürdig ist (entschuldigt man sich doch hier sonst schon für knapp vermiedene Zusammenstöße ganz selbstverständlich, vgl. in England), sondern in einer solchen Situation an Fahrerflucht grenzt. Da ich aber mein Augenlicht behalten, unlängst eines dieser putzigen Handtücher im Taschentuchformat erstanden und beim Abendessen im Hotel ein Glas voller Eiswürfel erbeutet habe, die sich darin einwickeln und gegen mein Gesicht halten lassen, ist eben doch alles nicht so schlimm, und wird durchaus aufgewogen von den Großartigkeiten dieses Urlaubs.

Die Stadt, in der alles klein und niedlich und gemustert und zahlreich ist, haben wir heute hinter uns gelassen; unser Gepäck hat sich vor lauter Mitbringseln und Geschenken beinahe verdoppelt (was die Lufthansa dankenswerterweise, wie wir heute erneut zugesichert bekamen, bei Japanflügen toleriert). Auch ich habe allerhand Dinge gekauft, von denen ich zuvor nicht wusste, dass ich sie dringend, ja unbedingt brauche: allem voran Täschchen und Anhängerchen, die es gerade in Kyoto sonderzahl, und speziell zu allen möglichen und unmöglichen Verwendungszwecken gibt.

So befinde ich mich im Besitz eines neuen Portemonnaies, zweier stoffbezogener Brillenetuis, einer neuen glitzernd gemusterten Schutzhülle für mein Telephon, eines seidenen Visitenkartenmäppchens, eines winzigen Täschchens, in dem ich Kontaktlinsen und Medikamente für den gegebenenfälligen Gebrauch unterwegs mitführe, weiterer Beutelchen, um deren Verwendung ich mich nicht zu sorgen brauche, weil ich sie verschenke, diverser Anhängsel (eine schwarzweiße Miniaturkrawatte für meine andere Handtasche, denn eine ist ja schon bestückt, Würfelchen, Kugeln und Vögel zum Verschenken, verschiedene Blümchen sowie eine Katze, die der an unserem ersten Tag erspielten gleicht, für das Portemonnaie), und insbesondere der Krönung der sinnhaften Sinnlosigkeit: ein rosa Beutelchen von der Größe einer handelsüblichen Zigarettenschachtel mit Klemmverschluss und einer Außentasche, in die sich wiederum bequem ein Feuerzeug im passenden Etui, das seinerseits eine Kette am Verlorengehen hindert, schieben lässt – die ganze Chose ist natürlich aus Seidenkrepp, und zwar in Rosa, und zwar mit Kirschblüten und Hasen drauf, und zwar mit diesen besonders putzigen japanischen Hasen, die nur in einem nach vorne verjüngten weißen Oval mit roten Ohren und Augen bestehen. Außerdem habe ich ihr selbstredend bereits einen Anhänger verpasst, eine völlig kugelförmige Glückskatze nämlich, ebenfalls rosa geblümt. Mit Glöckchen. Dass ich neuerdings kaum noch rauche, tut nichts zur Sache: Das war und ist einer der zauberhaftesten und beglückendsten Einkäufe, die ich je getätigt habe. (Wer mag, kann die obige Schilderung zum Anlass nehmen, das zweite Photo im letzten Artikel als Suchbild zu verstehen. NB allerdings, dass einiges zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht erworben war, und die hier üblichen hübschen Verpackungen kleinere Kinkerlitzchen vor dem Blick des geneigten Betrachters verbergen.)

Und obwohl oder gerade weil ich mich in Kyoto bereits in Sichtweite des finanziellen Ruins manövriert habe, stürze ich mich heute selbstredend mit umso mehr Eifer und meinem blauen Auge auf die Ginza. Schilderungen folgen.

Überflutung in verschiedenen Sinnen

31. März 2012

Heute habe ich mich einigermaßen von der Erkältung erholt, die mich beim Tagesausflug nach Tottori (wo ich mich, wie versprochen, zumindest ein wenig mit Sand besprenkt habe) heimsuchte. Ihretwegen verbarg ich mein kränkelndes Antlitz den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend hinter einer Mundschutzmaske, was tatsächlich seinen Reiz hat: Man kann aussehen, wie man halt aussieht, wenn man krank ist, und braucht sich weder darum Sorgen zu machen noch um die Richtung des eigenen Hustens.

Jedenfalls befand ich mich heute Morgen wieder wohl genug, um dem strömenden Regen in die gigantische, weitestenteils überdachte Einkaufsmeile zu entfliehen. Wir sind in Kyoto, der einzigen Stadt bisher, die ich zum  zweiten Mal besuche, und derjenigen mit dem umfangreichsten und herzallerliebsten Auswahl aus rosa geblümtem Seidenkreppgewusel mit Hasen und Katzen und Fischen und Bommeln und Schleifchen. Weiterlesen…

fernöstliche Ausschweifungen

28. März 2012

Die letzten drei Tage standen im Zeichen kulinarischer, botanischer und photographischer Exzesse. Wir entflohen der windigen Kälte im bergigen Awa-Ikeda und zuletzt sogar einer dünnen Neuschneedecke ins an der Südküste der Insel Shikoku gelegene Kochi. Nur eine halbstündige Busfahrt, die wir so bald als möglich nach unserer Ankunft zum ersten Mal antraten, trennte uns dann noch vom Pazifik: Kaum hatte man es von der Haltestelle durch eine industriegebietsartige Anlage von Touristenbespaßungen an den Strand Katsurahama geschafft, durfte man den Ozean bestaunen, dekoriert durch einen pittoresk auf einer klippenartigen Anhöhe gelegenen Schrein und glatt und blau und endlos.

Der Anblick war wundervoll, wenn auch noch nicht Auslöser oder Motiv für die photographische Wut, die uns später überkam: An der Busstrecke zwischen Kochi und Katsurahama liegt nämlich ein botanischer Garten, und obschon die Kirschblüte auch hier verzögert eingetreten war, überwältigten uns dort bei strahlendem Wetter bunte Blumenmeere: Magnolien, Azaleen, Hibisken, Kamelien und endlich auch der ein oder andere von unverhofft üppigen rosafarbene Blütenwolken umwattete Kirschbaum.

Die beiden Nächten in Kochi verbrachten wir in einem Hotel, das einem traditionellen Riokan glich, obgleich es wohl im engeren Sinne keines war. Die Räume waren mit Tatamimatten ausgelegt, auf denen es sich wie immer dermaßen traumhaft (pardon the pun) schlief, dass ich mir zuhause einen Futon anschaffen will; das Essen gab es zwar nicht auf dem Zimmer, dafür war es aber jeweils (zwei Frühstücke und zwei Abendessen nahmen wir in Anspruch) individuell zusammengestellt und für unsere nur bedingt mit japanischen Geschmäckern vertrauten Gaumen ein experimentelles Erlebnis.

Am ersten Abend gab es verschiedene Tempura (frittierte Krabben nebst weniger eindeutig Identifizierbarem), Misosuppe mit Muscheln, Krebsscheren, eine Sashimiauswahl und Meeresschnecken, an die ich mich, obwohl ich im Leben noch nicht einmal Escargot probiert habe, tapfer wagte und es tatsächlich schaffte, zwei der hartnäckigen Mollusken mit Essstäbchen an ihren spitz bezahnten, tja, was? Stacheln? Füßen? aus ihren Häusern zu zupfen. Es gab noch mehr, eine enorme, erhöht auf dem Tisch thronende Platte sowie verschiedene bunt gemusterte Schälchen für jeden, die vor interessanten und zugegeben teils gewöhnungsbedürftigen Delikatessen überquollen; wir schafften vielleicht die Hälfte.

Am zweiten Abend gab es Shabu Shabu, was mich zunächst in Begeisterungsstürme ausbrechen ließ, ehe ich bemerkte, dass es mit Schweine- statt Rindfleisch serviert wurde; dass ich es mit meinem dürftigen Japanisch schaffte, mir eine Bitte nach Sesamsauce zusammenzustammeln, war erfreulich, und die übrigen in der Algenbrühe gegarten Zutaten vorzüglich. Noch dazu verwöhnte man uns mit frischen Erdbeeren und irgendeinem obszön sahnigen Dessert.

Zum Frühstück gab es bis auf Tee und Suppe nur Dinge, die zum Frühstück zu essen ich beim besten Willen mit meinem anderweitig konditionierten und schon für ein Full English Breakfast zu morgenmuffligen Magen einfach nicht schaffte: sauer eingelegten und rohen Fisch (wir waren schließlich am Meer), gekochten, aber kalten Spinat, Wurzelgemüse und je einen leicht verfälschten Schnipsel europäischen Frühstücks, bspw. Würstchen oder gezuckertes Rührei. In diesem Sinne freue ich mich über alle Maßen wieder im selben Hotel in Okayama zu nächtigen wie an den ersten beiden Tagen: Morgen früh wartet erneut der Luxus von Udon, gekochtem Kürbis und Joghurt mit Kiwi- und Erdbeersauce!

Den Gipfel der Ausschweifung aber erreichten wir heute Abend in einer kleinen Kneipe im Bahnhofsviertel von Okayama: Edamame, yakitoriartig marinierte Steakhappen, Muscheln, irgendwas mit Tofu, Rind und Ei, dazu Pflaumenwein, anschließend verboten gutes schwarzes Sesameis mit Mochi und Sahne, irgendwas mit Kinako und Vanilleeis sowie ein alkoholfreies Getränk mit Kiwipuree und Tonic Water, in das man bloß einen Schnaps zu kippen braucht, damit es meinem bisherigen Lieblingsaperitif, dem Hugo, durchaus Konkurrenz macht. Ich werde mir das merken, jetzt aber entsprechend satt und zufrieden in mein Hotelbett sinken, um morgen die Dünen von Tottori zu besuchen und mich wie versprochen rituell für mein Schweigen der letzten Wochen zu kasteien.

Eine Frage noch zuletzt. Da dies ohnehin zeitweilig zum Reisetagebuch sich wandelt: Möchte die geneigte Leserschaft sich an weiteren Photographien ergötzen? Es gibt Blumen über Blumen, Tempel & dgl., Landschaften und gelegentliche kuriose Putzigkeiten. Bitte schreit Hier oder Bitte nicht oder wonach euch sonst der Sinn steht!

von Katzen, Kurvenfahrten und Kirschbäumen

25. März 2012

Durchgefroren und durchgeschüttelt kehre ich heute ins Hotel zurück: Wir haben uns eine Bustour durch das bergige Umland von Awa-Ikeda auf Shikoku angetan, deren Führerin eine bemerkenswerte Fähigkeit zum schnellfeuerartigen Sprechen ohne Atempausen an den Tag legte und ihren Monolog auf der insgesamt vierstündigen Fahrt tatsächlich nur für eine Gesangseinlage unterbrach, die insbesondere für des Japanischen unkundige Passagiere (aber wir waren ja nur zu zweit und hatten uns schon an ein rudimentäres bis ausbleibendes Verständnis ihrer wortreichen Erklärungen gewöhnt) etwas unvermittelt kam, aber durchaus hübsch anzuhören war. Auch sie bemerkte wiederholt die fiese Kälte und bot uns für die Bootsfahrt, die einen Teil im Minutentakt durchorganisierten Gruppenunternehmung bildete, niedliche jackentaschengroße Heizkissen an. Auf dem Fluss gab es windhosenartige, bunt bemalte Fische aus Fallschirmseide, die an langen Schnüren gespannt über unseren Köpfen flatterten, sowie interessante vom Wasser geschliffene Felsformationen zu bestaunen; wirklich aufregend wurde es aber, je höher wir in unserem röhrenden, dankenswerterweise für einen Bus recht kleinformatigen Gefährt die beängstigend schmalen Serpentinen erklommen. Man überquerte nämlich im Sinne eines Höhepunkts eine jahrhundertealte, dankenswerterweise aber alle drei Jahre renovierte Brücke aus irgendwelchen morsch anmutenden, aber sichtlich metallverstärkten und zu stabilen Tauen gewundenen Ranken, deren eigentlichen Kitzel der Abstand zwischen den Sprossen ausmachte, auf denen man über den Canyon balancierte. Einige sichtlich ortskundige Jungspunde versuchten einander in der Mutprobe zu übertreffen, freihändig zwischen den zu beiden Seiten sich mehr oder minder verkrampft an den seitlichen Tauen entlanghangelnden Touristen über das spärliche, schwankende Holz zu marschieren; ich selbst hätte das, als ich mir mit dem einmaligen Überqueren des Flusses entsprechende Trittsicherheit angeeignet hatte, auf dem Rückweg gerne auch probiert, wurde aber von einer entschiedenen Lautsprecherstimme, als deren Adressatin ich mich glücklicherweise schon nach ein paar Schritten erkannte, sofort wieder retour geschickt: Die Brücke war zwar zu jenem Zeitpunkt beinahe leer, aber doch eine touristisch durchorganisierte Einbahnstraße, und ich war eben schon mal drüben angekommen. Schade eigentlich.

Aber genug zum heutigen Tag. Der gestrige nämlich stand im Zeichen dessen, weswegen ich mich einen Keks freue, wieder in Japan zu sein. Weiterlesen…

in die Ferne

24. März 2012

Der (vor-)gestrige Flug von Frankfurt nach Kansai Kokusai Kuko (was für ein herrlicher Name!) dauerte elf Stunden, und zwar von zwei Uhr mittags bis neun Uhr morgens, jeweils Ortszeit. Ich verbrachte ihn damit, mit kindlich vergnügtem Quietschen ohne Unterlass auf dem vollautomatisch verstellbaren Sitz herumzuturnen, der sich nach einem mir bis zuletzt unbegreiflichen Prinzip beim Druck derselben Tasten bald hob, bald senkte, bald vor- und zurückschob, außerdem mein Glück kaum fassen zu können und mich dementsprechend in der so genannten Klasse, in die ich da ohne eigenes Verschulden geraten war, ausgesprochen deplatziert und dennoch mopsfidel zu fühlen; ferner schlief ich, und zwar das erste Mal auf einem Langstreckenflug überhaupt, tatsächlich zwischendurch mehr als eine Stunde am Stück (nämlich zweieinhalb), las in der Zwischenzeit ein paar Kapitel des vor meiner Abreise eilig ergatterten Romans und ließ mich von mehreren je einstündigen Mixtapes (meinem Bruder und seinem Musikgeschmack sei Dank) in ziemliche Entrückung dröhnen.

Im Übrigen war ich einmal mehr fasziniert von der Zeit- und Raumlosigkeit des Fliegens: Binnen Stunden hatten wir sowohl mir bekannte und vorstellbar weit entfernte Länder und Landschaften (Lettland, Finnland, den Westen Russlands) als auch welche überquert, in denen ich nie war, die wir dabei aber ja sozusagen durchreisten (Sibirien, China, Korea, die Mongolei), und waren außerdem sprichwörtlich durch die Nacht geflogen und ihr dabei rasch entronnen. Das schon aus Gründen der vielzitierten nationalen Mentalität rücksichtsvolle Naturell, das die meisten unserer Mitreisenden auszeichnete, verbot ihnen, während der Nachtruhe (nach welcher Nacht wo auf der Welt die sich auch richtete) die Fensterabdeckungen zu lüften, weswegen ich Sonnenauf- und -untergang versäumte und also erst recht keinen Bezug mehr zum Rest der Welt und ihren Zeitzonen zu fühlen vermochte.

Entsprechend losgelöst von Zeit und Raum, und nicht zuletzt auch in einem der Dauer der Reise völlig ungehörigem Maße ausgeruht, waren wir also auf einmal hier in der fremdartig vertrauten Ferne (die ich, das sollte ich im Sinne der Nachvollziehbarkeit hinzufügen, schon vor einigen Jahren einmal für zwei Wochen besucht hatte, deswegen aber noch längst nicht kenne).

Kaum trat man am Flughafen zur Passkontrolle, fing es an: Alles machte Geräusche, zirpte, klingelte, schellte; Bildchen überall, Piktogramme, putzige Erklärmaskottchen, und jene durchaus graphischere Schrift als die unsere; wann immer jemand sprach, tat er es mit zahlreichen, von Höflichkeiten durchtränkten und rasant sprudelnden Worten, unter beidhändigen, sehr geradlinigen Gesten und mit einem unregelmäßigen, aber berechenbaren Beugen des Kopfes und der Schultern. Wie genau sich das noch im Flughafen gestaltete, erläutere ich mal aus demjenigen Grunde nicht, aus dem man da ja auch nicht filmen darf; das Ganze steigerte sich ja ohnehin noch, als wir es bis zum Bahnsteig geschafft hatten, an dem unser Zug nach Shin-Osaka abfahren sollte: Die Rolltreppen wiesen einen mit einem leisen Gong und freundlich gesprochenen Worten sowohl auf ihr Betreten als auch das nahende Ende der Fahrt hin. Die Gleise überschallte ein rätselhaftes Vogelgezwitscher, durchbrochen von kurzen Melodien, die entweder Durchsagen ankündigten oder auch völlig ohne erkennbaren Anlass ertönten. Man stand allerdings in diesem Falle, wohl weil es sich bei den Anwesenden zu weiten Teilen um Touristen und außerdem um nachvollziehbar übernächtigte Fluggäste hielt, nicht exakt in Warteschlangen an den Sollhaltestellen der einzelnen Zugtüren, sondern lümmelte noch einigermaßen außer Reih und Glied auf dem Bahnsteig herum. Als die Bahn einfuhr, machten sich ohnehin zunächst einige blau Uniformierte, samt und sonders mit Mundschutzmasken, über sie her, verhängten die Eingänge mit untertänigst um Geduld bittenden Schildern, putzten geschwind durch und stellten sicher, dass sich die drehbaren Sitze ausnahmslos in Fahrtrichtung befanden, ehe sie uns einließen. Zwei entsprechend komfortable Zugreisen später erreichten wir erschöpft und zufrieden unser Hotel in Okayama und ich mein Bett darin, das ich an jenem Tag, in dessen Verlauf ich mich dann doch der übermannenden Müdigkeit ergeben musste, nur für ein heißes Bad im obersten Stockwerk wieder verließ.

Da ich damit meinen Biorhythmus erfolgreich dahingehend umgestellt habe, dass ich morgens um vier wach werde und abends um neun müde (und ich will gar nicht wissen, was das in Deutschland für Zeiten sind), werde ich es für heute bei diesen paar Impressionen von der Reise im engeren Sinne des Wortes belassen und mich erneut dem Bette, diesmal schon einem in Awa-Ikeda, anempfehlen. Von den Katzen und Kirschbäumen, die uns heute in Okayama begegneten, bald mehr!

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